Versuche, Nullserie und Produktion

1978-1987: Die Entwicklungsschritte des Bajonetts 90

Die in diesem Artikel vorgestellten Bajonette (Privatsammlung).

Anhand von Stücken aus einer Privatsammlung werden in diesem Artikel die Entwicklungsschritte von den ersten Versuchen bis zur Serienreife des Bajonetts zum Sturmgewehr 90 aufgezeigt.

Als sich Ende der 1970er Jahre die Schweizer Armee ernsthaft mit der Ablösung des Sturmgewehrs 1957 befasste, waren auch die Tage des Bajonetts 1957 gezählt.

Das Bajonett 1957 mit zweischneidiger, rhomboider Klinge, und sein direkter Vorläufer, das Bajonett 1918, waren, am Gewehr aufgepflanzt, hervorragend zum Stoss geeignet.

Oben, Bajonett 1918, unten, Bajonett 1957, beide mit zweischneidiger, rhomboider Klinge (Privatsammlung).

Aber in der Zeit des Kalten Krieges wurde von einem zeitgemässen Bajonett vermehrt Multifunktionalität verlangt. Nach wie vor am Gewehr aufpflanzbar, sollte es zusätzlich als Kampfmesser dienen und auch als Werkzeug herhalten. Die beiden Hauptprotagonisten des Kalten Krieges, die USA und die Sowjetunion, gingen voran. Die Sowjetunion führte mit dem M-1959 ein überzeugendes Design ein, welches als Bajonett und Kampfmesser verwendet werden konnte. Zudem konnten Klinge und Scheide zu einer Drahtschere zusammengefügt werden. Auch die USA hatten mit den M4 bis M7 Bajonetten seit Ende des 2. Weltkrieges aufpflanzbare Kampfmesser.

Das sowjetische Bajonett M-1959 (Quelle: Wikipedia).

Versuche

In diesem Umfeld war es nur logisch, dass die Gruppe für Rüstungsdienste (GRD) im Herbst 1978 beim Schweizer Messerhersteller Victorinox verschiedene Versuchsbajonette bestellte:

  • Brünierte und blanke Messerklingen;
  • Mit oder ohne Drahtschneidevorrichtung und Schraubenzieher;
  • Schwarze und grüne Kunststoffgriffe;
  • Schwarze und grüne Scheiden;
  • Verschiedene Gurtschlaufen in Leder und Textil;
  • Identische Gewehr-Aufpflanzvorrichtung wie beim Bajonett 1957.

Ein solches Musterbajonett ist hier abgebildet: Brünierte Klinge, grüner Kunststoffgriff, grüne Scheide, kein Drahtschneider, grüne Textilgurtschlaufe.

Musterbajonett der GRD von 1978 (Privatsammlung).

Basierend auf diesen Mustern bestellte die GRD im Herbst 1979 bei Victorinox 200 Versuchsbajonette:

  • 100 Versuchsbajonette mit brünierter Messerklinge mit kurzer Rückenschneide, integriertem Drahtschneider und Schraubenzieher an der Scheide, schwarzem Kunststoffgriff und schwarzer Scheide, grüner Textilgurtschlaufe direkt an der Scheide angenietet (Typ 1);
  • 100 Versuchsbajonette mit blanker Messerklinge mit kurzer Rückenschneide, keinem Drahtschneider und auch keinem Schraubenzieher an der Scheide, schwarzem Kunststoffgriff und schwarzer Scheide, Gurtschlaufe aus geschwärztem Leder (Typ 2).
Ein weiteres Musterbajonett von 1978, dieses entspricht dem Versuchsbajonett von 1979, Typ 1 (Privatsammlung).
Ein weiteres Musterbajonett von 1978, dieses entspricht dem Versuchsbajonett von 1979, Typ 2 (Privatsammlung).

Diese 200 Bajonette wurden im September 1980 geliefert und bei den Truppenversuchen des neuen Sturmgewehrs erprobt.

Nullserie

Mit den Erfahrungen aus diesen Truppenversuchen bestellte die GRD bei Victorinox eine Nullserie überarbeitete Musterbajonette:

  • Griffschalen und Scheide grün:
  • Klinge mattgrau sandgestrahlt;
  • Verlängerte Rückenschneide;
  • Anstatt einer Gurtschlaufe bekommt die Scheide eine Tragöse mit grosser Öffnung, um den Frosch des Bajonetts 1957 weiterhin verwenden zu können.
Überarbeitetes Musterbajonett nach den Truppenversuchen, frühe 1980er (Privatsammlung).

Dieses letzte Musterbajonett ist ein typisches Produkt guteidgenössischer Werte:

  • Sparsamkeit: man kann die vorhandenen Frösche des Bajonetts 1957weiter verwenden;
  • Doppelte Sparsamkeit: identische Gewehr-Aufpflanzvorrichtung wie beim Bajonett 1957. Falls gewünscht, kann so das neue Bajonett mit dem «alten» Sturmgewehr 1957 verwendet werden, bzw. das «alte» Bajonett 1957 auch auf das neue Sturmgewehr aufgesetzt werden;
  • Eigenständigkeit: ausländische Modeströmungen wie Drahtschneider und Schraubenzieher werden verworfen. Man hat ja schon einen perfekten Schraubenzieher am Sackmesser;
  • Sorgfalt: die Verwendung eines Drahtschneiders würde zu Beschädigungen an der Messerklinge führen;
  • Understatement: Man will keine glänzende Messerklinge;
  • Wahrung von Traditionen: Grün ist immer eine passende Farbe für Militärartikel;

Serienproduktion

1987 begann die Serienproduktion der Bajonette. Die ersten 2000 Bajonette erhielten noch eine 6-stellige Seriennummer, in unserem Fall 001875. Die Tragöse ist kleiner, der Frosch 1957 kann nun nicht mehr verwendet werden. Die auf einem Plättchen sitzende Tragöse wurde an der Scheide mit drei Punkten verschweisst.

Bajonett der ersten Serie von 2000 Stück mit Seriennummer (Privatsammlung).

Nach der ersten Serie von 2000 Bajonetten wurde die Seriennummer weggelassen, es verbleibt nur noch der Herstellernahme, VICTORINOX und WENGER in diversen Schriftvarianten. Als weitere Modifikation wurde das Plättchen an der Tragöse weggelassen.

Seit der 2005 erfolgten Übernahme von Wenger durch Victorinox werden die Bajonette 90 nur noch von Victorinox hergestellt.

Zwei Bajonette aus der Serienproduktion. Oben ein Bajonett von Wenger, unten ein Bajonett von Victorinox (Privatsammlung).
Tragöse an der Bajonettscheide: Links die grosse Tragöse der Nullserie. Mitte die kleine Tragöse mit Plättchen der ersten Serie von 2000 Bajonetten. Rechts die kleine Tragöse ohne Plättchen der Serienproduktion (Privatsammlung).

Literatur

Ernst Grenacher, Schweizer Seitengewehre, Eidg. Ordonnanzen 1851-1990, Band 2, Buch 1.

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