1700: Vier Spundbajonette aus dem Kostümverleih
René Ackermann, veröffentlicht am 09.07.2025
Hin und wieder finden sich auch an unerwarteten Orten wahre Militaria-Trouvaillen. So auch in einem in Liquidation befindlichen Schweizer Kostümverleih. Im bunten Allerlei von alten Kleidern, Kostümen und Requisiten wurden auch vier alte «Römerschwerter» angeboten. Eine eingehende Überprüfung der vier Theaterwaffen ergab Bemerkenswertes.

Die Scheiden, offensichtlich Nachfertigungen, sowie die hölzernen, bloss aufgesteckten Griffknäufe waren rasch entfernt. Zum Vorschein kamen alte Klingen und Griffe mit der typischen, nach hinten leicht konischen Form. Auch die Parierstangen mit ihren hammer- und schraubenzieherartigen Enden sprachen eine klare Sprache. Bei den vier «Römerschwertern» handelte es sich um originale, alte Spundbajonette.

Spund- und Tüllenbajonette
Spundbajonette, also Bajonette die nicht auf, sondern in den Lauf des Gewehres gesteckt wurden, waren eine Erfindung der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Diese Bajonette ermöglichten den Infanteristen, ihre Gewehre auch als Stichwaffe zu nutzen. Allerdings mit dem Nachteil, dass bei aufgestecktem Bajonett keine Schussabgabe möglich war. In Frankreich wurden solche Spundbajonette erstmals im Jahre 1671 als reglementarische Bewaffnung der Truppe erwähnt.
Bereits zu Beginn der 1680er Jahre beschlossen auch Zürich und Bern solche Bajonette für ihre Soldaten anzuschaffen. Anfänglich wiesen die Zürcher Spundbajonette noch eine vierkantige Stilettklinge auf und verfügten über keine Parierstange. Die Berner Bajonette hingegen besassen von Anfang an eine messer- oder dolchartige Klinge und eine Parierstange. Die Parierstange hatte dabei die Eigentümlichkeit, dass ihre beiden Enden hammer- und schraubenzieherartig ausgeformt waren. Mit dem hammerartigen Teil konnten bei Bedarf die Feuersteine der Gewehre wieder in Form gebracht werden, mit dem Schraubenzieher liessen sich Schrauben am Gewehr nachziehen.
Schon früh suchte man, diese Bajonette zu verbessern. Insbesondere störte die Tatsache, dass bei aufgesetztem Spundbajonett nicht mehr geschossen werden konnte. So wurden schon ab den 1680er Jahren Versuche mit anderen Befestigungsvorrichtungen durchgeführt. Zuerst wurde mit einer Arretierung mit Ringen, die am Bajonettgriff angebracht waren und über den Lauf des Gewehres geschoben werden konnten, experimentiert. Schon bald jedoch folgte die Entwicklung zum sogenannten Tüllenbajonett. Dieses wies statt des Griffes eine röhrenförmige Hülse, die Tülle, auf, welche über den Lauf geschoben und mittels eines «Bajonettverschlusses» an diesem befestigt werden konnte.

Die typische abgeknickte Form dieser Bajonette hatte einen klaren Zweck. Im Gegensatz zum Spundbajonett, das zum Nachladenden des Gewehres aus dessen Lauf entfernt werden musste, verbleib das Tüllenbajonett dabei auf dem Lauf. Nun waren diese Lunten- und Steinschlossgewehr bekanntlich Vorderlader, das heisst, Pulver und Kugel mussten mit Hilfe des Ladestocks von vorne in den Lauf gestossen werden.
Dabei wäre ein gerades, eng der Laufachse folgendes spitzes Bajonett durchaus hinderlich gewesen. Denn die mit einem gewissen Schwung ausgeführten Manipulationen an der Laufmündung erforderten einen bestimmten Freiraum. Zu schnell einmal hätte sich sonst «in der Hitze des Gefechts» die Spitze des Bajonetts in die Hand oder das Handgelenk des ladenden Soldaten bohren können. Durch den Knick und das Wegführen der Spitze des Bajonetts von der Laufachse wurde diese Gefahr stark gemindert.

Bern und Zürich erkannten die Vorteile des Tüllenbajonetts. Bereits 1706 wurden solche in Bern zur Ordonnanz erklärt. Zürich beschaffte um 1708 ebenfalls mehrere Tausend Tüllenbajonette. Allerdings wurde auch noch einmal eine grössere Anzahl an Spundbajonetten bestellt. Das war der Tatsache geschuldet, dass die Zürcher Milizen noch über eine grosse Anzahl an alten Gewehren verfügten. Und deren Läufe wiesen alles andere als Normdurchmesser auf. Ein Spundbajonett konnte praktisch in jeden Lauf gestossen werden, ein Tüllenbajonett jedoch, musste dem äusseren Laufdurchmesser angepasst sein.
Spundbajonette wurden für den militärischen Gebrauch gefertigt. Vereinzelt waren aber auch Jagdgewehre dieser Zeit mit einem Spundbajonett versehen. Die Parierstangen dieser Stichwaffen sind allerdings nicht als Werkzeuge ausgebildet. Ausserdem verfügen diese Spundbajonette zumeist auch noch über ein Stichblatt und gleichen so den jagdlichen Hirschfängern.
Die vier Spundbajonette
Die vier hier vorgestellten Spundbajonette weisen unterschiedliche Griffe, Parierstangen und Klingen auf. Bei den Exemplaren A und B wurden die Klingen wohl extra angefertigt. Die anderen beiden Bajonette wurden mit gekürzten und umgeschliffenen alten Degenklingen ausgerüstet. Keines der vier Bajonette verfügt über eine Hersteller- oder Zeughausmarke. Alle wurden am hinteren Griffende nachträglich leicht bearbeitet, um die zur Dekoration dienenden Holzknäufe anzubringen.
In der Fachsprache wird mit dem Begriff «Ort» die Klingenspitze bezeichnet. Eine «Fehlschärfe» ist ein gekanteter, nicht geschärfter Teil der Klinge, gleich unterhalb der Parierstange. Die «Parierstange» ist die horizontale Querstange zwischen Griff und Klinge. Die «Zwinge» ist die Metallhülse zwischen Parierstange und Griffholz. Die «Nietscheibe» schliesslich, ist die Unterlagscheibe am hinteren Griffende, worauf die «Angel», also die Verlängerung der Klinge durch den Griff, vernietet ist.

Bajonett A:
Glatter, hellbrauner Holzgriff, Nietscheibe, Zwinge und Parierstange aus Eisen, ein Parierstangenende als Hammer, das andere als Schraubenzieher ausgebildet, zweischneidige Klinge von sechskantigem Querschnitt, keine Marken.
Klingenlänge: 42,5 cm / Klingenbreite 4 cm / Waffenlänge 59 cm.
Die Waffe entspricht dem bei Meier, «Waffen im 17. Jahrhundert, Am Beispiel des Villmergerkrieges 1712», Seite 21, Abb. 17, «A», abgebildeten Bajonett der Zürcher Ordonnanz 1708. Die zugehörige Beschreibung findet sich dort allerdings versehentlich unter «B».
Bajonett B:
Dunkelbrauner Holzgriff mit feinem Rillendekor, Verdickung mit breiter Zierrille, Zwinge und Parierstange aus Eisen, ein Parierstangenende als Hammer, das andere als Schraubenzieher ausgebildet, zweischneidige Klinge von rhombischem Querschnittklinge, Fehlschärfe am Ansatz, keine Marken.
Klingenlänge: 37 cm / Klingenbreite 3 cm / Waffenlänge 56 cm.

Bajonett C:
Dunkelbrauner Holzgriff mit feinem Rillendekor, Verdickung mit breiten Zierrillen, Nietscheibe, Zwinge und Parierstange aus Eisen, ein Parierstangenende als Hammer, das andere als Schraubenzieher ausgebildet, volle Rückenklinge, im Ortbereich zweischneidig, beidseitig verschliffene Zierrinnen, keine Marken.
Klingenlänge: 34,5 cm / Klingenbreite 3 cm / Waffenlänge 50,5 cm.
Bajonett D:
Glatter, dunkelbrauner Holzgriff, Verdickung mit feinem Rillendekor, Nietscheibe, Zwinge und Parierstange aus Eisen, ein Parierstangenende als Hammer, das andere als Schraubenzieher ausgebildet, zweischneidige Klinge von linsenförmigem Querschnitt, abgerundete Spitze, keine Marken.
Klingenlänge: 36 cm / Klingenbreite 3,2 cm / Waffenlänge 50 cm.
Literatur
- Meier, Jürg A.: Waffen im 17. Jahrhundert, Am Beispiel des Villmergerkrieges 1712, Beilage zu «Militärgeschichte zum Anfassen» Band 19, Zürich 2005.
- Meier, Jürg A., Höchner, Marc: Schwerter, Säbel, Seitenwehren, Bernische Griffwaffen 1500–1850, Bern 2021, S. 53, 68.
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