1944: Ein silbernes Geschenk zur Soldatenweihnacht
Jörg Ackermann, veröffentlicht am 05.07.2025
In Brockenhäusern, auf Flohmärkten und auf Online-Plattformen sind sie immer mal wieder anzutreffen. Silberne Kaffeelöffel mit der Aufschrift «Soldaten Weihnacht / Noël du Soldat / Natale del Soldato 1944». Was es mit diesen Silberlöffeln auf sich hat, zeigt der folgende Artikel.

Soldatenweihnacht im Aktivdienst
Im Hinblick auf die Weihnachtstage 1939 ordnete General Guisan an, dass die entsprechenden Feiern für die sich zu diesem Zeitpunkt im Felde stehenden Truppen für die ganze Armee zentral und einheitlich zu organisieren seien. Patenschaften oder Beschenkungen einzelner Truppenkörper waren ausdrücklich nicht erwünscht. Ebenso wurde die Weihnachtsbescherung klar von den Gaben der Soldatenfürsorge getrennt.
Es war also nicht die Idee, Notwendiges wie Socken, Pullover, Handschuhe und ähnliches den Wehrmännern als Weihnachtspräsent zukommen zu lassen. Jeder Dienst tuende Armeeangehörige sollte ein Einheitspaket erhalten. Die Soldatenweihnacht wurde hauptsächlich durch Spenden der Bevölkerung finanziert. Solche Weihnachtsanlässe für Wehrmänner wurden während der ganzen Dauer des Aktivdienstes von 1939 bis 1945 durchgeführt.
Die Soldatenweihnacht 1944
Auf Befehl des Generals wurde der Fürsorgechef der Armee mit der Durchführung der Soldatenweihnacht des Jahres 1944 beauftragt. Zu deren Finanzierung fand am 9. und 10. Dezember 1944 in der ganzen Schweiz ein Abzeichenverkauf statt. Zum Verkauf gelangte eine Anstecknadel mit Soldatenkopf auf rot-weissem Band. Gemäss Armeebefehl vom 21. November 1944 war dabei den Angehörigen der Armee das Tragen dieses Abzeichen gestattet.
Da der Erlös aus dem Abzeichenverkauf für die Finanzierung der grossen Menge an Soldatenpäckchen nicht genügte, wurde die Bevölkerung zu Geldspenden aufgefordert. Es sollten «Pakete» im Wert von 10 Franken finanziert werden. Auch Spenden für ein halbes oder ein viertel Paket waren willkommen. Als «Gegenleistung» erhielt jeder Spender eine Verdankung des Generals mit einer eigens zu diesem Zweck geschaffenen Soldatenmarke.
Beim Paketwert von 10 Franken handelte es sich um einen rein administrativen Wert. Denn dieser Betrag liess sich gut halbieren oder gar vierteln. So sollte möglichst viel Geld zusammen kommen um damit dann alle an die Soldaten verteilten Weihnachtspäckchen finanzieren zu können. Die eigentlichen, dann zur Verteilung gelangten Weihnachtspäckchen hatten einen geringeren materiellen Wert. Sie bestanden aus einem Silberlöffel und einer kleinen, als Zugabe gedachten Taschenlampe. Der reine Materialwert des Löffels betrug ungefähr Fr. 1.30.
Wie viel die Armee den Herstellerfirmen für die Löffel bezahlen musste, ist nicht bekannt. Vermutlich betrug der Stückpreis eines Löffels etwa vier Franken. Zu den Kosten des Löffels kamen noch diejenigen für die Taschenlampe, die Herstellung des Paketes, dessen Verpackung und den Versand.

Die Silberlöffel
Mit der Herstellung der Silberlöffel wurden die beiden traditionsreichen Firmen Jezler in Schaffhausen und Huguenin in Le Locle beauftragt.
Die Löffel der beiden Firmen unterscheiden sich in Gewicht, Form und Herstellungsverfahren. Gemein ist ihnen, dass sie aus massivem «800er» Silber bestehen. Dabei handelt es sich um eine Legierung aus 80% Silber und 20% Kupfer. Beide Löffel tragen auf der Vorderseite das Schweizer Wappen mit einem Tannenzweig und auf der Rückseite den dreisprachigen Text.
Der weitaus grössere Teil der Löffel wurde von der Firma Jezler geliefert. Heutzutage findet man auf einen Löffel von Huguenin wohl 15 bis 20 Löffel von Jezler. Ursprünglich dürfte der Anteil an Huguenin-Löffel sicherlich grösser gewesen sein. Wie wir weiter unten sehen werden, präsentierte sich der Huguenin-Löffel etwas filigraner als derjenige von Jezler. Das dürfte dazu geführt haben, dass die Huguenin-Löffel die Zeit weniger gut überstanden haben als die Jezler-Löffel. Folglich sind auch weniger Exemplare davon bis heute erhalten geblieben. Leider sind mir die damaligen Produktionszahlen nicht bekannt. Es dürften aber rund 100’000 Löffel hergestellt worden sein.

Der Jezler-Löffel
1822 gründete Johann Jacob Jezler in Schaffhausen eine Silbermanufaktur um «Gerätschaften von Silber für ein ausgesuchtes Publikum von Zunftherren und Kirchenoberhäuptern» zu schmieden. Damals war Jezler eine von vielen Silbermanufakturen in der Schweiz. Die Mechanisierung der Besteckherstellung ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts führte bei vielen Silberschmieden zur Geschäftsaufgabe. Jezler war einer jener Hersteller, der mit der Zeit ging und so seinen Fortbestand sichern konnte.
Die grosse Zeit der Firma war sicherlich die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zusammen mit wenigen Mitbewerbern dominierte Jezler den Silberbesteckmarkt in der Schweiz. Die gleichbleibend hohe Qualität, das Gespür für den Zeitgeist und die Tatsache, dass konsequent alles Besteck in massivem Silber ausgeführt wurde, erlaubte Jezler, auch schwierige Zeiten zu überwinden. Ende des 20. Jahrhunderts war die Firma schliesslich der letzte verbleibende Hersteller von Silberbesteck in der Schweiz. Für Jezler kam das Ende im Jahr 2018. Die Fabrik in Schaffhausen wurde geschlossen und die Einrichtung liquidiert.
Der 1944 von Jezler gelieferte Löffel für die Soldatenweihnacht basierte auf einem Standardmodell der Firma. Das Modell «Comtesse» wurde ab 1935 hergestellt und traf den Zeitgeist. Mit der einfachen Linienführung und ohne Schnörkel war der Löffel ein Produkt des «Moderne» genannten Stils. Obwohl in massivem Silber hergestellt, war er ein Gebrauchsobjekt.

Die Rohform des Löffels wurde aus einem Silberblech ausgestanzt. Anschliessend wurden die Laffe, also der vordere ovale Teil des Löffels, und das Stielende durch Hämmern erweitert und ausgedünnt. Die endgültige Form erhielt der Löffel dann in einer Tiefziehpresse. Die hoch belasteten Stellen, insbesondere der Übergang von der Laffe zum Griff, waren dadurch verstärkt und wiesen eine gewisse Federspannung auf. Mit 24 Gramm Gewicht und 15 cm Länge hat der Löffel ideale Proportionen. Die robuste Ausführung des Löffels hat sich in der Praxis bewährt. Obwohl vor über 80 Jahren ausgegeben, befinden sich viele der Jezler-Soldatenweihnachtslöffel noch heute in einem erstaunlich guten Zustand.
Der Huguenin-Löffel
Die Gebrüder Huguenin in Le Locle etablierten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Zulieferer für die dortige lokale Uhrenindustrie. Ab 1868 ging es mit der Huguenin Frères et Cie. SA ständig aufwärts. 1899 baute man in Le Locle jenes Fabrikgebäude, das bis zuletzt Standort der Manufaktur bleiben sollte.
Als nach dem Ersten Weltkrieg die traditionelle Taschenuhr mehr und mehr von der Armbanduhr abgelöst wurde, entwickelte man neue Produkte, so etwa Schützenabzeichen und Sportmedaillen. Die Firma avancierte zum Weltmarktführer. Zu den Kunden zählten so illustre Organisationen wie die Fussballverbände UEFA und FIFA, der Internationale Skiverband FIS oder das Internationale Olympische Komitee. Im Jahr 2002 wurde Huguenin von der Firma Faude Medaillen aus Gippingen übernommen. Das Unternehmen hiess nun Faude & Huguenin SA. Doch 2022 schloss auch dieses Unternehmen seine Tore.

Der Löffel von Huguenin wurde aus zwei Teilen hergestellt. Laffe und Stiel wurden gesondert ausgeformt und anschliessend zusammengelötet. Dadurch entstand ein formschöner und zierlicher Löffel. Mit 20.5 Gramm ist er auch deutlich leichter als der Jezler-Löffel. Leider hat darunter jedoch die Alltagstauglichkeit gelitten. Der raue Umgang mit ihm in der Soldatenstube und anschliessend in der Küchenschublade führte zu Beschädigungen. Insbesondere der gelötete Übergang von Laffe zu Stiel ist eine Schwachstelle. Viele Löffel weisen hier Risse auf. Zudem ist es schwierig, einen Löffel zu finden bei dem der Griff nicht verbogen ist.

Ein silberner Löffel mitten im Krieg?
Man darf sich fragen, wieweit es ein sparsamer Umgang mit Ressourcen im Krieg rechtfertigte, zehntausende, ja vielleicht hunderttausend Löffel aus echtem Silber herzustellen. Doch Silber war kein kriegswichtiger Rohstoff. Als Legierungsmetall für Waffen, Munition und Geräte wurde kein oder nur sehr wenig Silber gebraucht. Und als Devise im internationalen Zahlungsverkehr zählte nur Gold. Eine rege Nachfrage nach Silber herrschte somit eigentlich nicht.
Anschaulich zeigt sich das darin, dass über die ganze Dauer des Krieges der internationale Silberpreis mit ca. US$ 0.45 pro Unze Feinsilber, also etwa 65 Franken pro Kilo, recht konstant blieb. Die Schweizer Nationalbank war somit in der Lage, während des gesamten Krieges ihre Frankenmünzen weiterhin in Silber herzustellen. So gab sie allein im Jahr 1944 Silbergeld mit einem Gewicht von 94 Tonnen Feinsilber aus! Die benötigten 1,8 Tonnen Silber für das Weihnachtsgeschenk an die Soldaten im Aktivdienst, waren somit durchaus vertretbar.


«Silber» oder «versilbert»
Der weitaus grösste Teil des «Silberbestecks», welches heute auf dem Schweizer Gebrauchtwarenmarkt angeboten wird, ist bloss versilbert. Es wurde aus unedlem Material, typischerweise einer Legierung aus Kupfer, Nickel, Zink und weiteren Metallen, hergestellt. Die Besteckteile wurden anschliessend galvanisch versilbert. Die Dicke und somit die Qualität der Versilberung wurde mit den Zahlen 84, 90, 100 und 150 angegeben. Vereinfacht gesagt, kann man davon ausgehen, dass ein Tafellöffel oder eine Tafelgabel mit ca. 3 bis 5 Gramm Silber beschichtet wurde.
Viel seltener ist Besteck aus «echtem» Silber zu finden. Silberbesteck wurde in der Schweiz seit dem späten Mittelalter hergestellt. Da reines Silber zu weich für den Alltagsgebrauch war, wurde es mit Kupfer legiert. Ab einem Kupferanteil von mehr als 20% glänzte die Legierung dann aber nicht mehr schön silbern, sondern wurde zunehmend rötlich. So hat sich über die Jahrhunderte ein Silberanteil von 80% als untere Grenze eingependelt.
Seit gut 150 Jahren wird in der Schweiz der Silberanteil in «millième» (Tausendstel) angegeben. Häufige Silberanteile in der Schweiz sind seither 0.800 (80% Silber), 0.835 (83.5% Silber) und 0.925 (92.5% Silber). Aus 800er Silber bestehen die im Artikel vorgestellten Löffel der Soldatenweihnacht. Die silbernen Schweizer-Franken-Münzen, welche bis 1967 ausgegeben wurden, bestanden aus 835er Silber. 925er Silber, auch Sterlingsilber genannt, ist heute der weltweit häufigste Silberstandard.
Quellen und Literatur
- Schweizerische Lehrerinnenzeitung, 20. November 1939, S. 51 und 5. Dezember 1944, S. 76.
- Schweizer Soldat, Monatszeitschrift für Armee und Kader und FHD-Zeitung, 1944/45, S. 377.
- Silberpreise 1944: www.macrotrends.net
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