1900: Ein schweizerischer Kavallerie-Galadegen
René Ackermann, veröffentlicht am 24.04.2026
Sammler von Schweizer Blankwaffen treten zuweilen bei ihrer Jagd nach neuen Stücken mit Scheuklappen auf. Alles was nicht ins Schema passt, wird von vornherein als nicht interessant taxiert. Nur dem was man kennt, also hauptsächlich demjenigen, was in der Schweizer Blankwaffenliteratur abgebildet ist, gilt der Blick des Jägers.
Diese Einstellung mag zwar als Leitfaden gelten, allzu stur sollte man sich jedoch nicht danach richten. Denn ohne einen weiteren Blick, ohne weiteren Horizont, könnten einem so Stücke durch die Lappen gehen, die als durchaus aussergewöhnlich bezeichnet werden dürfen.


Um solch ein aussergewöhnliches Stück handelt es sich beim hier vorgestellten Degen. Auf den ersten Blick wird dieser spontan als nicht schweizerisch taxiert. Denn dessen Gefäss entspricht so gar keinem bekannten Schweizer Modell. Vielmehr ähnelt es demjenigen des deutschen Infanterie-Offiziersdegens 1889. Zieht man jedoch den Degen aus seiner Scheide, betrachtet den Klingendekor etwas genauer, offenbart sich Erstaunliches. Denn dieser Dekor zeigt markant schweizerische und kavalleristische Elemente.
Die Waffe
Die Gesamtlänge des Degens, ohne Scheide, beträgt 98 cm, die Klinge hat eine Länge von 83 cm. Das Gefäss in seiner geknickten Form basiert auf demjenigen des deutschen Infanterie-Offiziersdegens von 1889. Das für die deutsche Waffe typische, seitlich hochgezogene, mit einem hoheitlichen Dekor versehene äussere Stichblatt sucht man auf unserem Degen jedoch vergebens. Die metallenen Teile des Gefässes sind vernickelt, der Griff ist mit Fischhaut bezogen und mit Draht umwickelt. Die Scheide besteht aus vernickeltem Stahlblech und besitzt ein Ringband mit Ring und Tragöse, sowie einen Schlepper.


Den interessantesten Teil des Degens bildet dessen Klinge. Es handelt sich dabei um eine gerade, einschneidige, gerundete Rückenklinge mit voller Wurzel. Die Klinge besitzt beidseitig jeweils einen doppelten Hohlschliff und weist auf einer Länge von 40 cm einen beidseitig geätzten Dekor auf. Dieser Dekor macht das Stück bemerkenswert. Denn er zeigt, neben floralem Rankenwerk, auf der einen Seite ein Schweizerkreuz und auf der anderen Seite, neben einem weiteren Schweizerkreuz, einen schweizerischen Kavallerietschako der Ord. 1883. Auf der Klingenwurzel findet sich die Händlermarke der deutschen Firma Mohr & Speyer.



Wer war der Besitzer des Degens?
Über diese Frage lässt sich leider nur spekulieren. Auf der Waffe finden sich weder eine Widmungsinschrift noch ein Monogramm. Aufgrund des «neutralen», nicht mit einem deutschen Hoheitszeichen versehenen Stichblattes und des Klingendekors, kann als sicher angenommen werden, dass es sich beim Besitzer dieses Degens um einen Schweizer Offizier gehandelt hat. Ganz bestimmt hatte dieser einen engen Bezug zur schweizerischen Kavallerie.
Sollte besagter Offizier diese spezielle Gefäss/Klingenkombination selber in Auftrag gegeben haben, dürfte er eine stark deutschfreundliche Gesinnung gehabt haben. Wie sonst liesse sich erklären, dass er einen solch markant «deutschen» Griff an seine Waffe montieren liess. Sicherlich hätte er damit unter all den anderen, mit Galadegen in der Art des Schweizer Ordonnanzdegens 1899 daherkommenden eidgenössischen Offizieren, ein klares Statement abgegeben.
Sollte der Besitzer der Waffe diese nicht selbst in Auftrag gegeben haben, könnte es sich bei dem Degen auch um eine Geschenkwaffe handeln. Als Schenkender käme dabei praktisch nur eine deutsche Stelle oder Person in Frage. Allerdings würde man in diesem Zusammenhang dann zumindest eine Widmungsinschrift erwarten. Insbesondere, wenn man sich schon solche Mühe mit dem «schweizerisch, kavalleristischen» Klingendekor gemacht hat.
Eine weitere Möglichkeit wäre, dass es sich bei diesem Degen um eine Musterwaffe handelte. Vielleicht wurde sie ja von einem deutschen Händler als Galawaffe für Schweizer Offiziere angeboten? Doch da diese Offiziere den «schweizerischen» Galadegen, mit dem sich eng an den offiziellen Ordonnanzdegen 1899 anlehnenden Gefäss bevorzugten, hatte der «deutsche» Degen keinen Erfolg? Fragen, auf die leider keine schlüssigen Antworten möglich sind.
Wann wurde die Waffe gefertigt?
Der Fertigungszeitpunkt der Waffe lässt sich eingrenzen. Der auf der Klinge dargestellte Kavallerietschako wurde 1883 zur Ordonnanz erklärt. Griffwaffen mit geraden Klingen wurden von Schweizer Offizieren erst ab 1899 getragen. Ein «deutscher» Griff dürfte solange hoch im Kurs gestanden sein, wie die deutsche Armee in hohem Ansehen stand. Nach Kriegsbeginn 1914 wird wohl kaum mehr ein Schweizer Offizier so offensichtlich mit den Deutschen sympathisiert haben. Und nach 1918, nach der Niederlage des Deutschen Reiches im 1. Weltkrieg, war «Deutschtümelei» schon erst recht nicht mehr angesagt. Aufgrund all dessen, kann die Entstehung der Waffe in die Zeit von etwa 1899 bis 1914 verordnet werden.
Fazit
Obwohl viele Fragen zu dieser Waffe unbeantwortet bleiben müssen, handelt es sich bei ihr doch um ein interessantes und sicherlich seltenes Objekt. Hätte man diesen Degen nicht unvoreingenommen zur Hand genommen, den Klingendekor nicht einer genaueren Betrachtung unterzogen, wäre er womöglich noch lange Zeit «unentdeckt» geblieben.
Literatur
- Schneider, Hugo / Meier, Jürg A.: Griffwaffen, Band 7 der Reihe: Bewaffnung und Ausrüstung der Schweizer Armee seit 1817, Dietikon-Zürich, 1971.
- Hartmann Peter / Herrmann Reiner: Infanterie-Offiziersdegen 1889 und Varianten, Stuttgart 2008.
Schreiben Sie einen Kommentar
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.