Krieg und Frieden

1812-1842: Die Fertigungsqualität dreier Vorderladerpistolen

Das Zerlegen, Reinigen und Konservieren einer alten Vorderladerwaffe bietet immer wieder neue Herausforderungen.
Zuerst die Spannung – was kommt unter dem Öl, Rost und Dreck der Zeit zum Vorschein?
Dann die Frage, wie fest sich die vor Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten montierten Schrauben, Stifte und Nieten gegen das Zerlegen sträuben.
Und schliesslich der latente Konflikt zwischen «reinigen», «konservieren» und «restaurieren». Was tun bei gravierenden Defekten? Was ist noch Dreck, was ist schon Rost, was soll entfernt werden, was soll bleiben?

Die drei Vorderlader-Militärpistolen (Privatsammlung).
Oben: Französische Kavalleriepistole Modell AN XIII (1805), dem eidg. Reglement von 1817 entsprechend.
Mitte: Französische Kavalleriepistole Modell 1822, dem eidg. Reglement von 1817 entsprechend.
Unten: Perkussionspistole, eidgenössisches Modell 1842.

Bei den drei Vorderladerpistolen, welche mir zum Reinigen und Konservieren übergeben wurden, musste ich nicht mit Überraschungen rechnen. Denn die französischen Kavalleriepistolen aus napoleonischer Zeit und ihre Weiterentwicklungen sind einfach und robust gebaut. Auch in stark korrodiertem und verschmutztem Zustand sind diese für das Militär entwickelten Waffen mit wenigen Handgriffen ohne grosse Probleme zerlegt.
Das war auch hier der Fall.
Richtig spannend war jedoch der direkte Vergleich der Herstellungsqualität und Herstellungsdetails der drei Pistolen, von denen eine im Krieg (1812), und die beiden anderen im Frieden (nach 1822 und 1842) hergestellt wurden.

Innenseite eines Steinschlosses mit seinen wesentlichen Bestandteilen:
1: Hahn verstärkt
2: Studel
3: Nuss mit Sicherungs- und Schlagraste
4: Abzugsstange
5: Schlagfeder

Die drei Pistolen

Französische Kavalleriepistole AN XIII (1805)

Französische Kavalleriepistole AN XIII.

Die erste Pistole ist eine französische Kavalleriepistole AN XIII. Sie ist einzig mit «B 1812» gestempelt, und trägt weder Herstellermarke noch Abnahme- oder Besitzermarken. Ich nehme an, dass diese Pistole in einer der grossen, unter französischer Kontrolle stehenden Waffenmanufakturen für den unersättlichen Bedarf der französischen Militärmaschinerie in der Endphase der Napoleonischen Kriege hergestellt wurde.

Studel mit Riss und zu grosser Aussparung. Die Innenseite des Hahns ist nur grob passend bearbeitet.
Lauf mit Schwanzschraube.

Die Pistole sieht aus, wie ich es von vielen militärischen Vorderlader-/Steinschlosswaffen kenne. Alle Teile sind blank und zum Teil recht grob bearbeitet. Schon fast obligatorisch sind mechanische Schäden. Bei unserer Pistole hat der Studel einen Riss. Zudem ist an der Nuss die Sicherungsraste abgenutzt. Die Sicherungsraste soll den Hahn während des Ladevorgangs blockieren und eine frühzeitige Schussauslösung verhindern. Hier funktioniert diese Sicherung nicht mehr, der Hahn kann auch ab Sicherungsraste ausgelöst werden. Die Aussparung am Studel zur Lagerung der Vierkantwelle ist viel zu gross, was unerwünschtes Spiel in den Auslösemechanismus bringt.

Schaftaussparungen und Lauf. Verglichen mit den folgenden beiden Pistolen ist hier relativ wenig Holzumrahmung um die Schlossplatte vorhanden.

Die Aussparungen am Holz sind zweckmässig, aber grob und ohne Feinarbeit ausgeführt. Die Innenseite des verstärkten Hahns wurde mit einer groben Feile auf die notwendigen Passmasse gebracht. Eine Feinbearbeitung fand nicht statt. Die Schrauben sind grob geschmiedet und nur am Schraubenkopf überdreht.

Markierungen am Lauf.

Französische Kavalleriepistole Modell 1822

Französische Kavalleriepistole Modell 1822, dem eidg. Reglement von 1817 entsprechend.

Die zweite Pistole ist eine französische Kavalleriepistole Modell 1822. Sie wurde für das Zeughaus Zürich hergestellt. Bezeichnet wird sie als eidgenössisches Modell 1817. Sie trägt als Marke das Zürcher Wappen mit «ZZ». Die Waffennummer ist «g»[?] «43». Zusätzlich ist ein «P» eingestempelt. Bei allen Teilen des Schlosses, auch bei den Schrauben, ist die Nummer «20» eingeschlagen. Interessanterweise wurde diese Pistole nicht von Steinschlosszündung auf Perkussionszündung transformiert, obwohl der mechanische Zustand der Waffe ausgezeichnet ist.

Bei dieser Pistole sticht die Fülle an Markierungen, Stempelungen und Waffennummern heraus. Sehr im Gegensatz zur zuvor vorgestellten Pistole Modell AN XIII, die sich durch die Abwesenheit sämtlicher Identifikationsmarken in der Anonymität verbirgt.

Alle Teile sind mit «20» markiert, brüniert und sorgfältig verarbeitet. Ganz links unten, vor der Schlagfeder, erkennt man die abgebrochene vordere Schlossschraube.
Lauf mit Schwanzschraube.

Alle Schlossteile sind sauber bearbeitet und brüniert. Die Kanten sind sorgfältig gebrochen. Die Sicherungsraste an der Nuss ist tief und gleichmässig ausgeführt. Die Auslösekante an der Abzugstange passt genau in diese Sicherungsraste. Dadurch wird das Schloss zuverlässig gesichert. Wie schon erwähnt, ist bei allen Eisenteilen die Zahl «20» eingeschlagen. Auch der Lauf und die Messingteile sind mit «20» markiert.

Schaftaussparungen und Lauf.

Die Aussparungen am Holz sind sorgfältig und genau ausgeführt. Die Schlossplatte und auch das Gegenblech passen ohne Spiel in den Schaft.
Ironischerweise ist bei dieser Pistole die vordere Schlossschraube abgebrochen. Die Bruchfläche zeigt einen Gewaltbruch und eine recht grobe Körnung des Eisens. Vermutlich sass die Schraube sehr fest und bei einer früheren Zerlegung wurde wohl Gewalt anstelle von Geduld und «WD40» angewendet.

Markierungen am Lauf.

Perkussionspistole, eidgenössisches Modell 1842

Perkussionspistole, eidgenössisches Modell 1842.

Die dritte Waffe ist eine Perkussionspistole, eidgenössisches Modell 1842. Sie wurde in Belgien für den Stand Solothurn hergestellt und trägt die Nummer «262». Die Herstellermarke «AB» – darüber Krone, konnte ich nicht einem bestimmten Hersteller zuordnen. Der Lauf ist mit dem Beschussstempel von Lüttich versehen: «ELG» über Stern in Oval. Weiter ist der Lauf mit dem Wappen des Standes Solothurn zwischen «S – O» gestempelt. Das wies die Waffe als im Besitz des Kantons Solothurn befindlich aus.

Alle Teile sind brüniert, sauber und passgenau verarbeitet.

Diese Perkussionspistole gleicht in der Fertigungsqualität der Zürcher Steinschlosspistole. Alle Teile des Schlosses sind brüniert, die Kanten gebrochen und die Bohrungen und Schrauben sind passgenau. Die Sicherungsraste ist weniger tief ausgearbeitet als bei der Zürcher Pistole, aber sie funktioniert und sichert das Schloss.

Lauf mit Schwanzschraube.

Die Aussparungen am Holz sind sorgfältig und passgenau ausgeführt. Die Markierungen beschränken sich auf das Notwendige: Herstellermarke auf den wichtigsten Teilen, Beschussstempel, Besitzermarke und Waffennummer.

Schaftaussparungen und Lauf.
Markierungen am Lauf.

Schlussfolgerung

Die Pistole AN XIII ist eine Kriegswaffe. Sie wurde in Kriegszeiten, für den Einsatz im Krieg gefertigt. Alle Teile sind funktional, aber die Verarbeitung beschränkt sich auf das Notwendige. Die Pistole musste funktionieren, mehr nicht.

Die Zürcher Pistole Ordonnanz 1817 (französisches Modell 1822) wurde in Friedenszeiten für einen Zürcher Dragoner hergestellt. Vermutlich ist sie eine lokale Fertigung, in privatem Auftrag. Denn die Zürcher Dragoner mussten sich ihre Waffen selber beschaffen. Es ist gut möglich, dass die Pistole für den Auftraggeber nicht nur ein Kriegsgerät, sondern auch eine Art Statussymbol war. Dazu passt auch die Nummer «20», welche auf allen Metallteilen eingeschlagen ist. So konnte der Besitzer sicherstellen, dass bei einer Zerlegung der Waffe im Feld seine Waffenteile nicht mit fremden Teilen verwechselt wurden. Die Privatanschaffung erklärt auch, warum die Pistole nicht auf Perkussionszündung transformiert wurde, obwohl der mechanische Zustand der Waffe ausgezeichnet war. Sie war Privatbesitz, die Zürcher Militärbehörden hatten keinen Zugriff darauf.

Die Solothurner Perkussionspistole wurde im Frieden, aber als qualitätsvolle Kriegswaffe hergestellt. Sie war bei der Herstellung auf dem aktuellen Stand der Militärtechnik. In den 1840er war die Industrielle Revolution auf dem Europäischen Festland in vollem Gange. Handarbeit und Einzelfertigung in der Waffenmanufaktur wichen der Serienfertigung in der Fabrik. Die Fertigungsqualität stieg und verbesserte Stähle kamen zum Einsatz. Die Pistole ist eine solide, qualitativ hochstehende Arbeit, welche eine penible Abnahmekontrolle bestehen musste.

Am Anfang dieses Aufsatzes schrieb ich über den latenten Konflikt zwischen «reinigen», «konservieren» und «restaurieren». Ich habe die drei Pistolen mit Stahlwatte gereinigt und dabei Dreck und Flugrost entfernt. Danach wurden die Waffen gefettet, geölt und wieder zusammengesetzt. Die Defekte an den Pistolen wurden belassen wie sie waren, es fanden keine Reparaturen statt.

Literatur

Reinhart, Kriss / Meier, Jürg A.: Pistolen und Revolver der Schweiz seit 1720, Dietikon-Zürich
1998.

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