1700-1900: Ross und Reiter auf schweizerischen Militärmedaillen
René Ackermann, veröffentlicht am 19.12.2025
Bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts konnte die Schweizer Armee als Infanterieheer bezeichnet werden. Grosse Kavallerieverbände wie sie im Ausland existierten, kannte man in der Schweiz so nicht. Wohl gab es auch hierzulande Truppen zu Pferd, diese stellten jedoch nur einen marginalen Anteil an der Gesamtstärke der Armee dar. Ausser bei dieser Kavallerie, fanden Pferde vor allem als Zug- und Lasttiere, sowie in geringerem Masse, als Reittiere von Offizieren Verwendung. Pferdedarstellungen auf schweizerischen Militärmedaillen sind entsprechend selten. Von den über 250, im 18. und 19. Jahrhundert hergestellten Medaillen, zeigen nur knapp ein Dutzend ein Pferde- oder Kavalleriesujet.
Nachfolgend werden diese Medaillen kurz vorgestellt.
Kavalleriepferde

Bloss eine einzige Medaille bezieht sich auf einen Kriegseinsatz der Kavallerie. Dabei handelte es sich um den sogenannten Bockenkrieg von 1804. Die Einführung neuer Gesetze führte damals bei der Zürcher Landbevölkerung zu Unzufriedenheit. Es kam es zu einem bewaffneten Aufstand in der Zürcher Landschaft. Die Zürcher Regierung bot Truppen auf und forderte eidgenössische Unterstützung an. Am 28. März kam es zu einem Gefecht beim Landsitz Bocken oberhalb von Horgen. Die Aufrührer schlugen zwar die durch eidgenössische Kontingente verstärkten Zürcher Regierungstruppen, nutzten den Erfolg aber nicht. Die eidgenössischen Truppen beendeten den Aufstand danach innert kürzester Zeit. Der aufrührerische Kantonsteil wurde besetzt, die Anführer der Rebellen gefangen genommen und abgeurteilt.
Im Laufe der Unruhen wurden in Affoltern am Albis drei Zürcher Offiziere von bewaffneten Aufrührern gefangen genommen. Eine Reiterabteilung der Regierungstruppen wurde zu einer Befreiungsaktion losgeschickt. Den Reitern gelang es, die Rebellen nach kurzem Scharmützel auseinander zu treiben und die in einem Wirtshaus festgehaltenen Gefangenen zu befreien. Der Zinngiesser und Graveur Rudolf Manz, der als Trompeter der zürcherischen Reiterabteilung an diesem Handstreich teilnahm, prägte zur Erinnerung an diese «ruhmvolle Expedition der Herren Dragoner nach Affoltern» eine Medaille. Sie zeigt links ein Wirtshaus und eine Scheune, davor bewaffnete Aufständische, die vor den, von rechts herangaloppierenden, säbelschwingenden Reitern die Flucht ergreifen.

Diese 1896 durch die Gebrüder Huguenin in Le Locle hergestellte Medaille war in erster Linie für Kavalleristen gedacht. Auf der einen Seite ist eine, aus einem Dragoneroffizier und zwei, mit Karabinern bewaffneten Dragonern bestehende Reiterpatrouille abgebildet. Die andere Seite der Medaille zeigte ein etwas kitschiges Sujet. Man sieht einen aufgezäumten Pferdekopf, der aus einem von Eichenlaub bekränzten Hufeisen blickt. Das Pferd trägt dabei eine Peitsche im Maul. Dass hatte weniger ästhetische, als vielmehr kommerzielle Gründe. Denn so fühlten sich nicht nur Kavalleristen, sondern auch Angehörige des Trains von der Medaille angesprochen. Man sieht, Kommerz heiligte Kitsch.

Vom 1. Februar bis 24. April 1893 fand in Bern eine Kavallerierekrutenschule statt. Reiterrekruten aus den Kantonen Genf, Waadt, Wallis, Neuenburg, Freiburg und Bern (Jura) nahmen daran teil. Zur Erinnerung an die Rekrutenschule konnte eine Medaille erworben werden. Hergestellt wurde diese in Frankreich, durch den Medailleur Louis Henri Vieuxmaire. Dessen Medaillen genügten kaum je einem künstlerischen Anspruch. Denn der Medailleur produzierte schnell und billig. Viele seiner Medaillentypen basierten auf einigen wenigen Mustern.
So verwendete er auch für diese Medaille einen seiner Standartstempel, der einen einfachen Lorbeerkranz zeigte. Darin wurde dann bloss die Beschriftung «SOUVENIR DE L’ECOLE DE RECRUES DE CAVALERIE. A / BERNE / DU 1ER FÉVRIER / AU 24 AVRIL / 1893» angebracht, fertig war die Medaille. Die von Waffenstolz getragenen Schweizer Kavalleristen dürften kaum Gefallen an dieser Medaille gefunden haben. So ganz ohne darauf abgebildetem Reiter oder Pferd kam sie doch gar banal daher.

Ein Sujet, welches auf schweizerischen Militärmedaillen des letzten Viertels des 19. Jahrhunderts oft Verwendung fand, war dasjenige der Waffenbrüderschaft. Von 1878 bis 1900 wurde es in leicht variierender Form drei Dutzend Mal auf Medaillen abgebildet. Stets handelte es sich dabei um eine aus drei oder vier Soldaten bestehende Gruppe, bei der sich zwei Figuren die Hände reichen. So auch auf dieser, durch den deutschen Medailleur Ludwig Christoph Lauer 1879 hergestellten Medaille. Bei den drei Soldaten handelt es sich, v.l.n.r. um einen Kavalleristen, erkennbar am damals charakteristischen Rosshaarbusch auf der Kopfbedeckung, einen Infanteristen mit Gewehr und einen säbeltragenden Offizier.
Zugpferde

Zugpferde wurden nur auf Medaillen abgebildet, wenn damit eine bestimmte Aussage gemacht werden konnte. So beispielsweise im Jahr 1800. Während des zweiten Koalitionskrieges marschierten die Österreicher in die von Frankreich besetzten oberitalienischen Gebiete ein. Dort setzten sie den französischen Truppen arg zu. Napoleon sah sich gezwungen, einen überraschenden Vorstoss zu unternehmen, um dem Gegner in den Rücken zu fallen. Vom 15. bis 21. Mai 1800 überquerte er mit seiner 45 000 Mann starken Reservearmee den noch schneebedeckten Grossen Sankt Bernhard-Pass. Die Franzosen fielen in Oberitalien ein und schlugen die österreichischen Truppen am 14. Juni 1800 in der Schlacht von Marengo entscheidend.
Der französische Medailleur Etienne Jacques Dubois stellte im Jahr 1808 eine Medaille her, die eine markante Episode dieser Alpenüberquerung festhält. Sie zeigt die Siegesgöttin welche auf einem, von zwei Pferden über einen Schneehügel geschleiften Kanonenrohr steht. Da der Pass im Mai 1800 noch schneebedeckt war, konnten die Geschütze nicht gefahren werden. Sie wurden, in ihre Hauptbestandteile zerlegt, auf Tragtieren transportiert. Die Kanonenrohre waren allerdings dazu zu schwer. Deshalb wurden Bäume gefällt, die Stämme der Länge nach halbiert, ausgehöhlt und die Kanonenrohre darin festgezurrt. Mit Hilfe dieser Schlitten gelang es, die Artillerie über den Pass zu schaffen.

Anlässlich der 60-Jahr-Feier der Grenzbesetzung von 1870/71 wurden 1931 in vielen Ortschaften der Schweiz Gedenkveranstaltungen abgehalten. Dabei wurden jeweils die noch lebenden Veteranen geehrt. Auch in Genf wurde am 19. April 1931 durch die Union des Sociétés Patriotiques eine entsprechende Veranstaltung organisiert. Der Anlass stand unter dem Patronat des Genfer Staatsrats und hatte somit einen quasi offiziellen Charakter. Neben einem Empfang durch die Genfer Regierung und einem zu Ehren der hochbetagten Veteranen durchgeführten Festumzug, fand auch ein grosses Bankett statt. Jedem der rund 60 im Kanton Genf wohnhaften Veteranen wurde zu diesem Anlass eine, mit dem Namenszug des Empfängers versehene, Medaille überreicht.
Die Medaille zeigt ein Sujet der Grenzbesetzung. In einer verschneiten Winterlandschaft hält ein Soldat im Kaputmantel mit angehängtem Gewehr Wache. Links davon, am Waldrand, sind ein verlassenes Fuhrwerk und ein verendetes Pferd abgebildet. Dies ist die einzige schweizerische Medaillendarstellung, die, wenn auch nur angedeutet, den Schrecken des Krieges zeigt.
Reitpferde

Am 20. Mai 1800 überquerte auch Napoleon den Grossen St. Bernhard (siehe oben). Anders als auf dem bekannten, von Jacques-Louis David 1801 gefertigten Gemälde dargestellt, überschritt der Erste Konsul dabei den Pass nicht auf einem feurigen Pferd. Vielmehr sass er, in einen dicken Mantel gehüllt, auf einem Maultier. Von einem ortskundigen Schweizer Führer geleitet, absolvierte er die Strecke zwischen Martigny und dem italienischen Etroubles ohne grössere Unterbrüche. Einzig beim Hospiz auf der Passhöhe hielt er eine kurze Rast und verköstigte sich bei den dortigen Chorherren.
Der französische Medailleur Bertrand Andrieu schuf 1802/03 eine Medaille, die diese Tat Napoleons verherrlichte. Er orientierte sich bei seiner Darstellung von Napoleons Übergang über die Alpen ganz offensichtlich an Davids bekanntem Gemälde. Nur überquert Napoleon hier nicht eigentlich den Sankt Bernhard-Pass. Vielmehr zersprengt er blitzeschleudernd die Felsen vor ihm. 30 Jahre später übernahm der Medailleur Jean Pierre Montagny das Sujet Andrieus und ergänzte die ursprünglich einseitige Medaille mit einer, die Schlacht von Marengo darstellenden, zweiten Seite.

1887 absolvierten die 6. und die 7. Armeedivision einen Truppenzusammenzug im Raum Winterthur–Wil–Frauenfeld. Der Bestand der 6. Division betrug 10 457 Mann mit 1359 Pferden, derjenige der 7. Division 11 941 Mann mit 1720 Pferden. Zur Erinnerung an diesen Anlass gab Walter Rietmann-Rheiner eine Medaille in viereckiger Klippenform heraus. Sie zeigt im Zentrum einen Reiter, links daneben einen Artilleristen hinter einer Kanone, rechts einen Infanteristen und einen Trompeter.

Im September 1888 fand in der Gegend zwischen Langenthal, Huttwil und Ettiswil der Truppenzusammenzug der 4. und 8. Division statt. Der Gesamtbestand der 4. Division betrug 10 217 Mann mit 1697 Pferden, derjenige der 8. Division 8424 Mann mit 1415 Pferden. Zur Erinnerung an diesen Anlass schuf der Medailleur Bartholomäus Jäckle-Schneider eine Medaille, die einen Divisionskommandanten auf seinem Pferd zeigt.

Bei der Gestaltung der Medaillensujets wurde der Detailpflege nicht immer die nötige Beachtung geschenkt. So beispielsweise auf dieser Medaille zum Truppenzusammenzug des Jahres 1898. Ein kurzer, uniformkundlicher Exkurs soll dies veranschaulichen. Bis 1898 trugen Divisions- und Brigadekommandanten im Dienst einen wallenden Busch aus weissen oder grünen Hahnenfedern auf ihrem Hut. Auf der Medaille von Jäckle-Schneider ist dieser Federbusch ziemlich korrekt dargestellt (siehe vorhergehende Medaille). Auf dem seit 1896/97 von der Zürcher Firma Daubenmeier & Meyer verwendeten Medaillenstempel hingegen, trägt der Kommandant einen schmalen Pinsel auf seiner Kopfbedeckung.
Dieses, einem Rasierpinsel gleichende Büschel aus Pferdehaaren, war indes seit 1884 das alleinige Abzeichen der Kavallerietruppen. Dass nun Daubenmeier & Meyer bewusst einen Kavallerieoffizier abbilden wollten, ist wenig wahrscheinlich. Schliesslich musste sich die Medaille auch verkaufen lassen. Das war aber kaum möglich, wenn darauf einzig ein Vertreter dieser etwas elitären Spezialtruppe dargestellt war. Denn bei einem Manöverbestand der Division von etwa 10 000 Mann, bildeten die paar hundert Kavalleristen nur eine kleine, nicht repräsentative Minderheit.

Ein Pferd auf einem Denkmal zeigt unsere letzte Medaille. Bei besagtem Denkmal handelt es sich um dasjenige von General Henri Dufour in Genf. Der Genfer Medailleur Louis Jamin wählte dieses Sujet, um eine Medaille zur Generalversammlung der schweizerischen Offiziersgesellschaft, die vom 30. Juli bis 1. August 1892 in Genf stattfand, damit zu zieren. Der offizielle Teil dieses Offiziersfestes bestand aus einer Delegiertenversammlung am Samstagabend, waffenweisen Vorträgen und Verhandlungen am Sonntagmorgen sowie der Generalversammlung am Montagvormittag. Die übrige Zeit wurde den Festlichkeiten gewidmet.
Zu diesen meinte die ASMZ: «Das Offiziersfest in Genf hat einen glänzenden Verlauf genommen. Die Gastfreundschaft, welche den Offizieren zu Theil wurde, hat alle Erwartungen übertroffen. Die ganze Stadt war mit Flaggen geschmückt und hatte ein festliches Gewand angezogen. Samstag Nachmittags 3 Uhr kam die eidg. Fahne in Genf an und wurde nach dem Festzug durch die Stadt der Sektion Genf übergeben. Abends war ein glänzender Ball, eine wahre Ausstellung von schönen Damen und eleganten Toiletten.
Sonntags Empfang in der Villa des Hrn. Oberstlt. William Favre; es spielten 3 Musikbanden in den weitläufigen, herrlichen Parkanlagen; zahlreiche Buffets sorgten für Erfrischung; im Freien wurde auf einem zu diesem Zwecke gelegten Holzboden ein Ball abgehalten; es fand ein Caroussel in der Tracht der Berner und Genfer Dragoner des letzten Jahrhunderts statt, welches grossen Beifall fand. Abends venetianische Nacht mit Beleuchtung des Hafens. Feuerwerk. Der See mit zahllosen beleuchteten Schiffen bedeckt, bot einen märchenhaften Anblick».
Literatur
Ackermann, René: Seinen tapferen Soehnen das dankbare Vaterland, Militärische Verdienst- und Gedenkmedaillen der Schweiz des 17., 18. und 19. Jahrhunderts, Horw 2024.
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