1897: Solothurn ehrt seine Veteranen
René Ackermann, veröffentlicht am 03.10.2025
Sonntage im Spätherbst 1897 – in vielen Orten und Städten der Schweiz geschieht Erstaunliches. Alte Männer, Greise von 70, 80, 90 Jahren, kommen in ungewohnter Anzahl zusammen und begrüssen sich kameradschaftlich. Man begibt sich in Schulgebäude oder grössere Gasthöfe und lauscht dort Rednern, verfolgt abwechslungsreiche Darbietungen und geniesst Speis und Trank. Was war da los? Wozu trafen sich diese altehrwürdigen Greise?

1897 – fünfzig Jahre sind vergangen, seit im Herbst 1847 ein Krieg das Schweizerland erschütterte. Politische, religiöse und wirtschaftliche Weltanschauungen prallten aufeinander. Da war auf der einen Seite der Sonderbund, der Zusammenschluss der katholisch-konservativen Kantone Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug, Freiburg und Wallis. Auf der anderen Seite stand die Armee der Tagsatzung. Die Armee der politisch und konfessionell eher liberalen, sowie wirtschaftlich stärkeren Kantone. Alle vorangegangen Bemühungen, die zerstrittenen Parteien zu einigen waren vergebens, es kam zum Waffengang. Insgesamt 180’000 Mann zogen ins Feld. 80’000 auf Seiten des Sonderbunds, 100’000 bei der Tagsatzungsarmee. Es folgte ein Krieg, der durchaus auch das Ende der Eidgenossenschaft hätte bedeuten können.
Doch es kam anders. Durch die umsichtige Kriegsführung des Befehlshabers der Tagsatzungsarmee, General Henri Dufour, konnte der Feldzug bereits nach gut drei Wochen Dauer beendet werden. Es resultierte ein überaus klarer und relativ wenige Opfer fordernder Sieg der Tagsatzungsarmee. Doch anstatt, dass sich Sieger und Besiegte danach noch jahrzehntelang befehdeten, raufte man sich zusammen. Bereits ein Jahr später, 1848, wurde aus dem bisherigen losen Bund souveräner Kantone, der schweizerische Bundesstaat. Eine Erfolgsgeschichte nahm ihren Anfang.
Fünfzig Jahre nach diesem für die Schweiz prägenden Ereignis, kamen damalige Kriegsteilnehmer zusammen, um den Geschehnissen von 1847 zu gedenken. Überall im Land fanden Feiern statt, bei denen man sich zurück erinnerte, den Verstorbenen gedachte und die noch lebenden Veteranen ehrte.

Die Solothurner Veteranenfeier
Solche Gedenkfeiern wurden hauptsächlich in den damals zu den Siegern zählenden Kantonen durchgeführt. Sie wurden in lokalem, vereinzelt aber auch kantonalem Rahmen abgehalten. So auch in Solothurn. Hier wurden alle noch lebenden Wehrmänner die 1847 mit den solothurnischen Truppen im Feld gestanden waren, zu einer zentralen, gemeinsamen Feier eingeladen.
1847 waren knapp 2500 Solothurner Soldaten gegen den Sonderbund ausgezogen. Von diesen waren 1897 noch 360 Veteranen, also etwa 15%, am Leben. Die jüngsten dieser «alten Soldaten» waren nun bereits 70-jährig, die ältesten hatten ihren 90. Geburtstag wohl schon hinter sich. Viele dieser Greise trafen sich nun am Sonntag, den 31. Oktober 1897, in der Stadt Solothurn.
Die Berner Zeitung «Der Bund» wusste am 2. November von dieser Feier wie folgt zu berichten:
«Solothurn. In der Wengi-Stadt fand letzten Sonntag die fünfzigjährige Erinnerungsfeier an den Sonderbundsfeldzug statt. 150 Veteranen hatten sich angemeldet, nun kamen aus dem ganzen Kanton gegen 200 graubärtige Männer, sichtlich ergriffen beim Gedanken, vielleicht das letzte Mal in feierlicher Weise einander begrüssen zu können; zählen doch die jüngsten Veteranen 70 Jahre, während die älteren Jahrgänge gegen 80 und 85 gehen. Am Bahnhof wurden bei Ankunft der Morgenzüge die ankommenden Veteranen durch die Solothurner Stadtmusik empfangen.
Es wurden ihnen die hübschen Abzeichen, die Fest- und Bankettkarten mit dem Bildnis General Dufours gegen Entgelt von Fr. 3 verabreicht; Blumenmädchen hefteten den Veteranen Blumensträusschen an die ‹Kutten›. Gegen 11 Uhr bildete sich ein stattlicher Festzug: voraus als Avantgarde die obersten Klassen des Kadettencorps, bewaffnet und uniformiert, ihnen folgte die Studentenverbindung ‹Wengia› – und nun kamen 22 weissgekleidete Töchterchen mit Blumenkörbchen und Schärpen in den Kantonsfarben. Fünf Fahnen flatterten im Zuge. Es war da ein kleines weisses Fähnlein, das die Aufmerksamkeit besonders auf sich lenkte und von einem Veteranen getragen wurde; es enthielt folgende Widmung : ‹Den Tapfern der Kompagnie Rust von Solothurn Nr. 9 gewidmet von einigen Frauen und Töchtern der Stadt Luzern anno 1847.›

Beim Kantonsschulgebäude war eine Gedenktafel der im Sonderbundsfeldzug (bei Gislikon) gefallenen Solothurner angebracht. In der Aula hielt Herr Regierungsrat Büttiker eine erhebende Ansprache, von dem Geiste für die glückliche Zukunft des Schweizerlandes getragen. Nach dieser ‹offiziellen› Feier bewegte sich der Zug wieder unter Kanonendonner durch die Stadt in das ‹Restaurant zum Schützenhaus›, wo der Männerchor und ein Liebhaber-Orchester den Nachmittag verschönten; die Pausen wurden durch fröhliches Geplauder der Veteranen ausgefüllt.
Herr alt Bundesrat Hammer, der Lieutenant im Sonderbundsfeldzug gewesen war, hielt die Begrüssungsrede. Er feierte das feste Vertrauen eines gesunden republikanischen Staatswesens, die schweizerische Armee, das patriotische, arbeitsame und tapfere Solothurner Volk und brachte dem Vaterland sein dreifach Hoch! — Herr Regierungsrat von Arx machte interessante Mitteilungen aus den Archiven und leerte sein Glas auf den Brudersinn und die Soldatentugenden! Herr Oberst Vigier, Stadtammann von Solothurn, begrüsste die Veteranen, erinnerte an den Geburtstag von Schultheiss Wengi und brachte sein Hoch der Thatkraft, Brüderlichkeit und Toleranz!»

Solothurns Truppen im Sonderbundsfeldzug
Aus dem Kanton Solothurn zogen, mit Stand vom 16. November 1847, insgesamt 2480 Mann ins Feld. Eingeteilt waren diese Wehrmänner in den Infanteriebataillonen 44 und 72, dem Landwehrbataillon 112, der Kavalleriekompanie 8 und den beiden Artilleriebatterien 9 und 35.
Das Auszugs-Infanteriebataillon 44 hatte einen Bestand von 829 Mann. Es war Teil der Brigade Frei in der 2. Division. Geführt wurde das Bataillon von Kommandant Konrad Munzinger aus Olten und dessen Stellvertreter, Major Josef Fröhlicher von Bellach. Das Bataillon setzte sich aus zwei Jäger- und vier Zentrums-, also Füsilierkompanien zusammen:
1. Jägerkompanie: Kommandant Hauptmann Viktor Brun, Negotiant (Kaufmann/Geschäftsmann) in Schönenwerd.
1. Zentrumskompanie: Hauptmann Viktor Ackermann, Wirt in Mümliswil.
2. Zentrumskompanie: Oberleutnant Josef Benjamin Schär von Mümliswil.
3. Zentrumskompanie: Hauptmann Josef Meyer von Balsthal.
4. Zentrumskompanie: Hauptmann Xaver Schafter von Metzerlen.
2. Jägerkompanie: Hauptmann Peter Bally von Schönenwerd.
Das Bataillon 44 war zuerst im solothurnischen Bucheggberg stationiert. Am 1. November bezog es im Emmental, im Gebiet von Oberburg, Hasle, Rüegsau und Goldbach Quartier. Am 3. November rückte es nach Walkringen vor, wo es bis zum 9. November verblieb. Am 10. brach das Bataillon nach Lyss und Aarberg auf. Am 11. November rückte es in Richtung Freiburg vor, kam so nach Golaten und Wileroltigen und am 13. nach Murten. Nach dem Fall Freiburgs befand es sich am 17. November bereits wieder in Rüderswil, am folgenden Tag in Affoltern im Emmental und am 19. in Madiswil. Danach rückte die ganze Brigade Frei über Willisau und Ruswil, Richtung Littau vor. Am 26. November wurde Luzern erreicht. Danach wurde das Bataillon in den Kanton Nidwalden befohlen. Mitte Dezember 1847, befanden sich zwei seiner Kompanien in Stans, eine in Ennetmoos, eine andere in Stansstad und Hergiswil und die beiden letzten Kompanien in Dallenwil und Wolfenschiessen. Das Bataillon wurde am 5. Januar 1848 in Solothurn entlassen.

Das zweite solothurnische Infanteriebataillon, das Bataillon 72, hatte am 16. November einen Bestand von 818 Mann. Es war Teil der Brigade Gerwer der 3. Division. Kommandiert wurde das Bataillon von Oberrichter Karl von Vivis von Solothurn. Regierungsrat Johann Mollet von Schnottwil war als Major dessen Stellvertreter. Auch das Auszugs-Infanteriebataillon 72 bestand aus zwei Jäger- und vier Zentrumskompanien:
1. Jägerkompanie: Hauptmann Josef Frei, Wirt in Olten.
1. Zentrumskompanie: Hauptmann Johann Kunz, Negotiant in Messen.
2. Zentrumskompanie: Hauptmann Benedikt Schmid, Amtschreiber in Olten.
3. Zentrumskompanie: Hauptmann Josef Chemo, Amtschreiber in Dornach.
4. Zentrumskompanie: Hauptmann Viktor Vigier, Landwirt.
2. Jägerkompanie: Hauptmann Georg Scherer, Forstkontrolleur und späterer Oberförster in Solothurn.
Das Bataillon rückte am 27. Oktober in die Solothurner Kaserne ein. Am 31.Oktober bezog es in Bleienbach, Thörigen und in Riedwil Quartier. Am 9. November wurde das Bataillon, nun der Brigade Hauser zugeteilt, von der 3. zur 2. Division detachiert. Für den Angriff auf Freiburg, war das Bataillon als Deckung der schweren Artillerie bestimmt. Man marschierte nach Bern und erreichte am 12. November Murten und am 13. Grolley. Nach der am 14. erfolgten Kapitulation Freiburgs marschierte das Bataillon über Avenches nach Solothurn, wo es am 16. November ankam. Am folgenden Tag war es in Olten und ab diesem Zeitpunkt auch wieder der 3. Division unterstellt. Am 18. ging es nach Gränichen, am 19. nach Unterkulm. Dort verblieb das Bataillon drei Tage. Am 22. rückte man von Reinach über die Höhen nach Hitzkirch vor. Am 23. November, dem Tag des Gefechts von Gislikon, ging es über Hochdorf, Ballwil, Eschenbach nach Inwil. Am 24. kapitulierte Luzern. Das Bataillon quartierte sich vom 24. bis 28. November in Neuenkirch ein. Am 29. ging es in den Kanton Uri. Dort verblieb es bis am 28. Dezember. Am 1. Januar 1848 kehrte das Bataillon 72 nach Solothurn zurück.
Das Landwehrbataillon 112 hatte einen Bestand von 532 Infanteristen. Es galt als Teil der Reserve der 3. Division. Befehligt wurde das Bataillon von Kommandant Josef Stampfli von Bellach. Sein Stellvertreter war Major Johann Büttiker von Olten. Das Bataillon setzte sich wie folgt zusammen:
1. Jägerkompanie: Hauptmann Johann Josef Rudolf in Selzach.
1. Zentrumskompanie: Hauptmann Josef Walser von Schönenwerd.
2. Zentrumskompanie: Hauptmann Johann Oberlin, Geometer in Solothurn.
3. Zentrumskompanie: Hauptmann Eusebius Girard, Gastwirt in Grenchen.
4. Zentrumskompanie: Hauptmann Peter Linz, Landwirt in Büsserach.
2. Jägerkompanie: Peter Graf in Solothurn.
Da diesen Landwehrsoldaten beim Einrücken am 5. November verschiedenste Uniform- und Ausrüstungsteile, insbesondere 300 Kapute fehlten, blieb das Bataillon in Solothurn stationiert. Am 28.November befahl der Divisionskommandant die Entlassung des Bataillons.
Die Auszugs-Kavalleriekompanie 8 wies einen Bestand von 59 Mann auf. Ihr Kommandant war Hauptmann Alexander Bally von Schönenwerd. Die Kompanie gehörte zur Brigade Egloff der 4. Division. Die Kavalleristen verbrachten den Monat November erst im Kanton Aargau und dann in Luzern. Beim Gefecht von Gislikon kamen sie bloss bei einem Scheinangriff zum Einsatz. Die Kompanie wurde am 6. Dezember entlassen.
Die Auszugs-Artilleriebatterie 9 hatte einen Bestand von 119 Mann und wurde von Hauptmann Franz Rust, Steinhauermeister in Solothurn kommandiert. Sie war Teil der Brigade König der 4. Division. Am 23. November 1847 stand sie im Gefecht bei Gislikon (Gisikon) und errang dabei einige Berühmtheit. Die Batterie wurde im Dezember in die Stadt Luzern verlegt und kehrte am 29. Dezember nach Solothurn zurück. Im Gefecht von Gislikon wurden drei Soldaten der Batterie tödlich verwundet. Der 21-jährige Wachtmeister Heinrich Merz aus Hägendorf fiel bei Gislikon durch einen Kanonenschuss in den Unterleib. Durch einen Kartätschenschuss verlor Soldat Urs Johann Moser aus Aetigkofen seinen Fuss. Dem Kanonier Peter Kunz aus Dorneck wurde der linke Unterschenkel weggerissen. Moser und Kunz kamen zwar noch ins Spital nach Aarau, starben dort aber «infolge schlechter Behandlung».

Die Auszugs-Artilleriebatterie 35 zählte 118 Mann. Sie wurde von Hauptmann Johann Weber von Riedholz befehligt. Die Batterie gehörte der Brigade Denzler der Artillerie-Reservedivision an. Am 6. November wurde sie nach Bern geschickt und dort mit schweren 24-Pfünder-Haubitzen ausgerüstet. Am 11. marschierte sie gegen Murten. Beim Fall von Freiburg stand die Batterie bei La Rosière, westlich der Stadt. Während des Gefechts von Gislikon befand sich die Batterie als Reserve bei Kleindietwil, nördlich des Kampfplatzes. Danach besetzte sie Emmen. Die Einheit wurde am 1. Dezember aus dem Dienst entlassen.

Schluss
Die drei Soldaten der Batterie Rust waren die einzigen Todesopfer die die Solothurner Truppen in diesem Feldzug zu beklagen hatten. Ausserdem waren während des Feldzugs drei weitere Solothurner Soldaten, ohne an Kämpfen teilgenommen zu haben, leicht verletzt worden.
Am 31. Oktober 1897 war bei den Solothurner Veteranen sicherlich viel Gesprächsstoff vorhanden. Manch einem von ihnen mag wohl beim Hervorholen von Erinnerungen und beim Gedanken an die inzwischen verstorbenen Kameraden auch die eine oder andere Träne gekommen sein.
Quellen
- Amiet, Jakob: Der siegreiche Kampf der Eidgenossen gegen Jesuitismus und Sonderbund, Solothurn 1848.
- Der Bund, Band 48, Nummer 304, 2. November 1897, Ausgabe 02.
- Berner Volksfreund, Nummer 259, 2. November 1897.
- Altermatt, Leo: Der Kanton Solothurn im Sonderbundskrieg: zwei Briefe, in: Jahrbuch für Solothurnische Geschichte, 26 (1953).
- Wallner, Thomas: Der Kanton Solothurn und die Eidgenossenschaft 1841-1847, in: Jahrbuch für Solothurnische Geschichte, 40 (1967).
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