Geheime Alarmzeichen

1568: Luzern, Solothurn und Freiburg kommunizieren mittels Metallplättchen

Kästchen mit zwischen Solothurn und Freiburg verwendeten Alarmzeichen. Es enthält drei kleine Schubladen mit verschiedenen Metallplättchen. Ein Plättchen aus Zinn stand für einen «Voralarm», eines aus Kupfer bedeutete «wir werden mit mittelmässiger Gewalt angegriffen», ein Zeichen aus Messing zeigte an, dass «man mit aller militärischer Macht angegriffen werde» (StASO Akzession 2008-21 Geheimalphabet: «Heimliche alte Wahrzeichen gegen Freiburg und Solothurn», Foto: Debora Heim).

Im 16. Jahrhundert verursachte die Reformation Glaubens- und Religonsstreitigkeiten in der Schweiz. Unter den eidgenössischen Ständen herrschte Zwietracht. Zürich und Bern, die wirtschaftlich und militärisch mächtigsten Mitglieder der Eidgenossenschaft, wandten sich vom Katholizismus ab. In der Folge wurden wegen der Glaubensfrage auch Kriege geführt.

Nach den beiden Kappelerkriegen 1529 und 1531 verbündeten sich im Jahr 1533 die katholischen Orte. Die Städte Luzern, Solothurn und Freiburg, zusammen mit den ebenfalls katholischen Orten Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug sowie der Landschaft Wallis schlossen ein «christliches Burgrecht und Bündnis». Zweck dieses Bündnisses war, den katholischen Glauben aufrecht zu erhalten und zu schützen. Das Bündnis richtete sich dabei vor allem gegen Bern. Denn dieses hatte sich, seine Macht ausspielend, verschiedene «Unfreundlichkeiten» gegen die katholischen Orte erlaubt.

Im 15. und 16. Jahrhundert betrieb die Republik Bern eine aggressive Expansionspolitik. Bern wurde zum grössten Stadtstaat nördlich der Alpen und herrschte über ein Gebiet, das etwa einen Viertel der Fläche der heutigen Schweiz umfasste. Mitte des 16. Jahrhunderts grenzte das Herrschaftsgebiet der Republik Bern im Norden an den Kanton Solothurn und an Vorderösterreich, im Nordosten an die Freien Ämter und die Freigrafschaft Baden, im Osten an die Kantone Luzern, Obwalden und Uri, im Süden an das Gebiet des heutigen Kantons Wallis, im Südwesten an das Herzogtum Savoyen und im Nordwesten an die Freigrafschaft Burgund, das Fürstentum Neuenburg und Gebiete des Fürstbistums Basel. Ausserdem lag der Kanton Freiburg wie eine Insel inmitten des bernischen Staatsgebiets.

Die Eidgenossenschaft im 18. Jahrhundert (Marco Zanoli, www.wikipedia.de).

Wollte Bern sein Gebiet noch weiter vergrössern, konnte das natürlich nur zu Lasten eines seiner Nachbarn gehen. Eine Besetzung von Teilen Vorderösterreichs, des Herzogtums Savoyen, der Freigrafschaft Burgund, des Fürstentums Neuenburg und des Fürstbistums Basel bot wenig Aussicht auf raschen und nachhaltigen Erfolg. Zu mächtig waren deren Herrscher bzw. Schirmherren. Die Freien Ämter und die Freigrafschaft Baden waren als «Gemeine Herrschaft», also gemeinsames Untertanenland mehrerer Kantone, vor etwaigen Begehrlichkeiten der Berner recht gut gefeit. Das Wallis und auch Uri lagen gut geschützt hinter hohen Bergketten. Und der Zugang zu Obwalden war nur über den Brünigpass möglich.

Anders sah die Situation jedoch für Luzern, Solothurn und Freiburg aus. Alle drei Kantone lagen exponiert. Wollte Bern gegen einen dieser Stände vorgehen, würde das Gelände wenig Hindernisse bieten. Marschierende Berner Truppen konnten die Städte Solothurn und Freiburg problemlos innerhalb eines Tages erreichen. Auch die Stadt Luzern war vor einem Überraschungsangriff nicht gefeit. Sollte Bern es auf einen dieser Orte abgesehen haben, war somit sofortiges Handeln gefragt. Auf diplomatische oder militärische Unterstützung durch befreundete Mächte konnten die drei katholischen Stände dann nicht mehr warten. Es blieb nur die Möglichkeit, sich gegenseitig beizustehen.

Diese am stärksten von den bernischen Expansionsgelüsten bedrohten katholischen Orte mussten sich also rasch miteinander austauschen können. Untereinander verfügten Luzern, Freiburg und Solothurn über keine gemeinsame Grenze. Stets lagen Gebiete des Kantons Bern dazwischen. Die gegenseitige Kommunikation musste also zwangsläufig immer über «feindliches» Gebiet erfolgen. Ein offener Austausch von Nachrichten war somit nicht möglich. Zu gross war die Gefahr, dass die damit beauftragten Boten abgefangen wurden. Schriftliche, oder unter Zwang vom Boten preisgegebene mündliche Mitteilungen fielen so unweigerlich in die Hände des Gegners. Deshalb benutzten Luzern, Solothurn und Freiburg eine geheime Zeichengebung.

Die Kantone Freiburg, Solothurn und Luzern sind jeweils durch bernisches Staatsgebiet voneinander getrennt.

Luzern und Solothurn trennte nur ein relativ schmaler Streifen bernischen Gebiets voneinander. Daher verständigen sich diese beiden Kantone mittels Feuerzeichen. Diese wurden zwischen dem an der Luzerner Nordgrenze liegenden Schloss Wikon und der in Sichtweite gegenüberliegenden, solothurnischen Wartburg bei Olten ausgetauscht.

Solothurn und Freiburg hingegen, die nicht über eine Sichtverbindung zueinander verfügten, verständigten sich mit Hilfe von sogenannten Zeichen. Dabei handelte es sich um kleine, mit einfachen Symbolen versehene Metallplättchen aus Zinn, Kupfer oder Messing. Jedes Symbol und jede Metallart hatte dabei eine klar festgelegte Bedeutung.

Nach dem Kappeler Landfrieden von 1531 folgte eine Zeit relativer Ruhe. Doch innerhalb der Eidgenossenschaft veränderten sich die Verhältnisse hinsichtlich des Glaubens und der Religion weiter. Mit Beginn der katholischen Gegenreformation in der Schweiz in den 1560er Jahren stiegen die Spannungen zwischen den katholischen und reformierten Orten wieder an. Unbestimmte Drohungen einzelner Kantone, im Zusammenhang mit vermehrter militärischer Rüstung, förderten ein Klima der Unsicherheit.

Luzern, Solothurn und Freiburg verwendeten unterschiedliche Geheimzeichen, um sich bei einer Bedrohung gegenseitig zu alarmieren (Grafik aus: Amtliche Sammlung der äItern Eidgenössischen Abschiede).

Im Januar 1568 beschlossen deshalb die katholischen Stände Solothurn, Freiburg und Luzern, letzterer vertrat auch die restlichen Innerschweizer Orte, sich entsprechend zu wappnen. Sie nahmen dazu auch die alten Geheimzeichen wieder in Verwendung. Allerdings verzichteten sie auf die Feuerzeichen, da diese bei schlechtem Wetter oft nicht anwendbar waren. An Stelle der Feuerzeichen wurde nun auch zwischen Solothurn und Luzern auf die Anwendung metallener Zeichen gesetzt. Denn diese, bisher nur von Freiburg und Solothurn verwendeten Plättchen, hatten sich dort bewährt. In derselben Art, wurde zusätzlich nun auch noch eine direkte Kommunikation zwischen Luzern und Freiburg eingerichtet.

Zwischen Freiburg und Solothurn verwendetes Alarmzeichen.

Das bisherige, zwischen Solothurn und Freiburg verwendete Zeichen, besass eine halbrunde Form. Es wurde aus einem runden Plättchen gefertigt, das mit den Buchstaben F und S versehen und anschliessend halbiert worden war. So trug dann die eine halbrunde Hälfte den Buchstaben F, die andere den Buchstaben S. F stand dabei für Freiburg, S für Solothurn.

Zwischen Luzern und Solothurn verwendetes Alarmzeichen.

Für das zwischen Solothurn und Luzern zur Anwendung kommende Zeichen musste eine andere als die halbrunde Form gewählt werden. Denn sonst wäre möglicherweise nicht klar gewesen, ob ein halbrundes S-Zeichen nun Freiburg oder Luzern galt. So wählte man die Viereckform. Analog dem runden Zeichen, wurde dieses Viereck mit einem L und S versehen und geteilt. Die beiden Hälften wiesen nun eine hoch-rechteckige Form mit jeweils einem der beiden Buchstaben auf.

Zwischen Luzern und Freiburg verwendetes Alarmzeichen.

Nun galt es noch ein Zeichen für die Kommunikation zwischen Luzern und Freiburg zu finden. Man entschied sich für die Form eines auf der Spitze stehenden Quadrats. Dieses, mit den Buchstaben L und F versehen, wurde ebenfalls senkrecht geteilt. Die beiden Hälften wiesen dann die Form eines Dreiecks auf.

Mit halbrund, dreieckig und viereckig, standen nun also drei, eindeutig zu unterscheidende Formen von Zeichen bereit. Das alleine genügte jedoch noch nicht, um differenzierte Nachrichten übermitteln zu können. Um dies zu erreichen, wurden die Zeichen auch in ihrer Metallart unterschieden. Je nachdem, ob das Plättchen aus Zinn, Kupfer oder Messing gefertigt war, hatte es eine andere Bedeutung.

Diese metallenen Plättchen dienten nun als geheimes Alarmierungsmittel zwischen den drei Städten. Derjenige Ort, der sich durch einen Gegner bedroht fühlte, sandte ein mit seinem Buchstaben versehenes und aus einer bestimmten Metallart bestehendes Zeichen an die Partnerstädte. Diese hatten dann, der Bedeutung des Zeichens entsprechend, zu reagieren.

Ein Zeichen aus Zinn galt als Voralarm. Der Empfänger des Metallplättchens wurde aufgerufen, Obacht zu geben, da ein Gegner etwas gegen die Stadt, von der das Zeichen kam im Schilde führt.

Ein Zeichen aus Kupfer bedeutete, dass der Gegner mit einigen Truppen und «mittelmässiger Gewalt» gegen die Stadt, die das Zeichen versandt hatte im Anmarsch sei. Der Empfänger des kupfernen Plättchens wurde durch dieses Zeichen dazu aufgerufen, der bedrohten Stadt sogleich und auf direktem Weg zu Hilfe zu kommen. Sollte Luzern der Empfänger sein, musste die Luzerner Regierung unverzüglich auch die anderen vier Innerschweizer Orte Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug dazu auffordern, mit Truppen der bedrohten Stadt zu Hilfe zu eilen. Die vier Orte hatten diesem Aufgebot dann sofort zu entsprechen.

Halbharnisch, 16./17. Jh. So gerüstet wäre man damals ins Feld gezogen (Foto M. A. E.)

Ein Zeichen aus Messing schliesslich bedeutete, dass der Gegner mit aller militärischer Macht aufgebrochen sei und die bedrohte Stadt angreifen werde. Der Empfänger dieses Zeichens hatte daraufhin unverzüglich mit allen verfügbaren Truppen auf das Gebiet des Angreifers zu ziehen. Dabei sollte der Gegner so viel wie möglich an Leib und Gut geschädigt werden. Damit wollte man erreichen, dass der Angreifer gezwungen war, an mehreren Fronten zu kämpfen. Das sollte der bedrohten Stadt etwas Luft verschaffen.

War Luzern der Empfänger dieses Zeichens, musste das Luzerner Kontingent sofort losziehen. Gleichzeitig mussten die Truppen der vier anderen Innerschweizer Orte aufgeboten werden. Sollten die Luzerner Truppen dem Gegner nicht widerstehen können, sollten sie sich zurückziehen, warten bis die übrigen Innerschweizer Kontingente angerückt waren und dann mit vereinter Macht wieder gegen den Feind ziehen.

So gab es dann also Zeichen in drei Formen und drei Metallen. Jede der drei Städte wurde mit einer Anzahl dieser Zeichen versehen. Luzern erhielt alle Plättchen die mit «L» bezeichnet waren. Solothurn alle diejenigen, welche ein «S» aufwiesen und Freiburg alle «F»-Zeichen.

Sah sich nun eine der drei Städte veranlasst, ein solches Alarmzeichen zu versenden, erfolgte dessen Überbringung in der Regel durch Meldereiter oder Meldeläufer. Alle Boten mussten zur Erfüllung ihres Auftrages zwangsläufig irgendwann bernisches Gebiet passieren. Dabei bestand die Gefahr, vom Gegner angehalten zu werden. Da das Metallplättchen recht klein war, konnte der Bote es gut versteckt tragen. Notfalls konnte er es, bevor er aufgegriffen wurde, auch einfach irgendwo fallen lassen. Wurde das Zeichen dann trotzdem gefunden, erschloss sich dem Finder dessen Bedeutung nicht. Selbst die Boten waren wohl nicht in die Geheimnisse dieser Zeichen eingeweiht. So konnten sie, selbst unter Zwang, höchstens den Adressaten des Metallplättchens preisgeben.

Zwischen Solothurn und Freiburg wurden diese runden, halbierten Plättchen verwendet. Deutlich sieht man auf den Messingplättchen die rückseitig angebrachten Striche. Diese zeigten die Anzahl der bisher abgegangenen Nachrichten an (StASO Akzession 2008-21 Geheimalphabet: «Heimliche alte Wahrzeichen gegen Freiburg und Solothurn», Foto: Daniel Kleis).

Der Gefahr eines Abfangens der Boten bewusst, wurde eine Vorkehrung getroffen. Auf der blanken Rückseite der Plättchen wurden Punkte oder Striche angebracht. Die Rückseite des ersten abgesandten Zeichens wurde noch leer gelassen. Das zweite abgesandte Zeichen wurde dann mit einem Punkt oder Strich auf der Rückseite markiert. Jedes weitere abgehende Zeichen wurde sodann mit einem weiteren zusätzlichen Punkt oder Strich versehen. Der Empfänger des Plättchens konnte so genau erkennen, wie viele solcher Nachrichten schon an ihn abgegangen waren. Daraus konnte er auch schliessen, ob allenfalls bereits früher abgeschickte Boten vom Gegner in Gewahr genommen worden sind. War dies der Fall, wusste der Empfänger, dass der von den Boten üblicherweise benutzte Weg vom Gegner besetzt war.

Wie häufig es in der Folge zu einer Anwendung dieser geheimen Zeichen kam, ist nicht bekannt. Auf alle Fälle schien sich das System bewährt zu haben. Nur so ist es zu erklären, dass noch über hundert Jahre später, im September 1683, von den drei Städten eine weitere solche Vereinbarung vertraglich festgehalten wurde.

Quellen und Literatur

  • Geheimes Verkommnis zwischen den drei Städten Lucern, Freiburg und Solothurn. Lucern. 1568, 5. Januar, in: Amtliche Sammlung der äItern Eidgenössischen Abschiede, Herausgegeben auf Anordnung der Bundesbehörden unter Leitung des eidgenössischen Archivars Joseph Karl Krütli, Band 4, Abtheilung 2, Die Eidgenössischen Abschiede aus dem Zeitraume von 1556 bis 1586, Bern, 1861, Nr. 304, S. 382-384.
  • Gutzwiller, Hellmut: Geheime Nachrichtenübermittlung zwischen Luzern, Freiburg und Solothurn im konfessionellen Zeitalter; in: Jahrbuch für solothurnische Geschichte, 53 (1980), S. 83-95.
  • StASO Akzession 2008-21 Geheimalphabet: «Heimliche alte Wahrzeichen gegen Freiburg und Solothurn».

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