«Party» beim General

1942: General Guisan feiert seinen 68. Geburtstag

Am 21. Oktober 1944 wurde General Henri Guisan 70 Jahre alt. Der Oberbefehlshaber der Schweizer Armee beging diesen Festtag im Kreis seiner Familie, zuhause in seiner Villa in Pully am Genfersee.

Der Schweizer Presse war Guisans runder Geburtstag viele Zeilen wert. Überall im Land fanden sich in den Zeitungen Glückwünsche an den Jubilar. Nicht unterlassen wurde dabei, Guisan gehörig zu würdigen. Anerkennend wurde auf seine bisherige Tätigkeit als Oberbefehlshaber der Armee zurück geblickt. Denn die Kriegslage liess es zu, zuversichtlich in die Zukunft zu schauen. Die alliierten Armeen rückten zu diesem Zeitpunkt immer weiter gegen Nazideutschland vor. Das sich in der Defensive befindliche 3. Reich wurde kaum mehr als Bedrohung für die Schweiz angesehen.

Zu seinem Geburtstag trafen von allen Seiten auch schriftliche Glückwünsche bei Guisan ein. Natürlich konnte sich der General, bei der Menge an eingegangenen Gratulationsschreiben, nicht bei allen Absendern persönlich bedanken. So liess er am 25. Oktober durch eine Presseaussendung seinen Dank öffentlich verkünden. Allerdings gab es Personen, bei denen der General es nicht unterliess, sich schriftlich zu bedanken. Im Armeehauptquartier wurden noch am 21. Oktober entsprechende Schreiben verfasst und von Guisan dann eigenhändig unterschrieben. Unter den Empfängern eines solchen Dankesschreibens befand sich auch ein gewisser Major Lauener, Arzt im A.H.Q. (Armeehauptquartier).

Dankesschreiben General Guisans an Major Lauener vom 21. Oktober 1944. «Der Oberbefehlshaber der Armee. Armeehauptquartier, 21. Oktober 1944. Herrn Major Lauener, Arzt des Armeestabes, A.H.Q. Mein lieber Herr Major, Sie hatten die Liebenswürdigkeit, mir mit Ihrem Schreiben vom 20. Oktober Ihre Glückwünsche zu meinem 70. Geburtstag zu übermitteln. Ich danke Ihnen herzlich für diese freundliche Aufmerksamkeit und verbleibe mit kameradschaftlichem Gruss Ihr General: Guisan.» (Privatsammlung).

Major Paul Lauener

Paul Lauener wurde am 26. Oktober 1887 in Wengen, im Berner Oberland geboren. Von 1907 bis 1913 studierte er Medizin in Bern und München. Danach arbeitete er als Assistent im Inselspital in Bern. Von 1917 bis 1952 amtete er als Schularzt der Stadt Bern. In dieser Funktion und als spezialisierter Hygieniker galt er als Kapazität. Er verfasste eine Reihe von wissenschaftlichen Publikationen. In erster Linie beschäftigte er sich darin mit präventiv- und sportmedizinischen Themen. Paul Lauener verstarb am 14. Oktober 1983 in Bern.

Paul Lauener 1945 mit einem Schulkind (Fotografie aus: Lauener, Paul, Erlebte Schulprobleme. Erfahrungen und Erkenntnisse aus einer 30-jährigen Schularztpraxis, Bern 1957).

In der Armee tat Lauener natürlich als Sanitätsoffizier Dienst. Am 16.8.1913 war er zum Leutnant ernannt worden. Per 31.12.1915 wurde er Oberleutnant und per 31.12.1918 Hauptmann. Bei Beginn des II. Weltkrieges rückte Lauener, eingeteilt als Sanitätsoffizier im Infanterieregiment 44, zum Dienst ein. 1940 ist er im Armeestab zu finden. Zur selben Zeit war er auch noch Mitglied der eidg. Turn- und Sportkommission, welche zu den Militärbehörden des Bundes zählte. Per 31.12.1940 wurde er zum Major befördert.

Wenig bekannt ist, dass Lauener wohl Arzt im Armeestab, aber vor allem auch Arzt im Armeehauptquartier war. In dieser Funktion war er für die medizinische Versorgung des Oberbefehlshabers und der Angehörigen dessen Stabes zuständig. Lauener und der General standen so sicherlich in einem speziellen Vertrauensverhältnis zueinander. So war es dann auch nicht verwunderlich, dass Major Lauener im Oktober 1944 seinem General zum runden Geburtstag gratulierte.

Guisans 68. Geburtstag

Zwei Jahre zuvor, im Herbst 1942, sah die Situation für die Schweiz und ihre Armee noch anders aus. Die Achsenmächte Deutschland und Italien hatten die Eidgenossenschaft vollständig umschlossen. Die Gefahr eines Angriffs auf die Schweiz war durchaus real. In dieser Lage beging General Guisan seinen 68. Geburtstag. Für den Vorabend seines Wiegenfestes, lud der General Offiziere des Armeestabes zu einer Abendveranstaltung in sein Hauptquartier ein.

Nach den Aufzeichnungen von Major i Gst Bernard Barbey, dem Chef des persönlichen Stabes des Generals, war der General an diesem 20. Oktober 1942 in der Gegend zwischen Yverdon und Orbe unterwegs. Am Vormittag folgte er einer Manöverkritik, am Nachmittag nahm er einen eilig improvisierten Truppenvorbeimarsch ab. Gegen Abend kehrte man wieder ins Armeehauptquartier nach Interlaken zurück.

«Enfin, rentrés à Interlaken, nous recevions […] comme l’an dernier, les officiers de l’E.M.A pour entendre le quatuor Kaelin. Petites tables, nuage de fumée et, dans l’ensemble, charmande camaraderie.»

«Schliesslich, zurück in Interlaken, empfingen wir […], wie bereits letztes Jahr, die Offiziere des Armeestabes um dem Quartett Kälin zu lauschen. Kleine Tischchen, Wolken von Zigarrenrauch und, insgesamt, eine bezaubernde Kameradschaft.»

Dass Barbey explizit kleine Tischchen, also Salontischchen, und Rauchschwaden erwähnte, lässt darauf schliessen, dass dieser Anlass eher weniger formeller Natur war. Dafür spricht auch das dabei gereichte, doch ziemlich einfache Menü. Doch dazu später.

Couvert mit der Einladungskarte und dem Abendprogramm (Privatsammlung).

Die Einladung an Major Lauener

Der zu diesem Zeitpunkt Dienst leistende Arzt des Armeehauptquartiers, Major Paul Lauener, gehörte auch zu den geladenen Gästen. Glücklicherweise blieb dessen Einladung für diesen Abend erhalten. So wissen wir, wie diese Soirée ablief und auch, was es anlässlich dieses vorgezogenen Geburtstagsfestes des Generals zu essen gab.

Die an Lauener gesandte Einladungskarte im A6 Format enthält sowohl vorgedruckten, als auch mit der Schreibmaschine ergänzten Text. Die gedruckten Textstellen erlaubten es, entsprechend von Hand oder mit Schreibmaschine ergänzt, diese Art Karte zu verschiedensten Einladungszwecken zu verwenden.

Die Einladungskarte an Major Lauener (Privatsammlung).

«Q.G.A., le 8 octobre 1942. Le Général Guisan prie Monsieur le Major Lauener de lui faire le plaisir de passer la soirée du mardi 20 octobre à 1845 à son Quartier général pour entendre le Sextuor Trechslin (musique de chambre) et le Quatuor Kaelin. R. S.V.P. au 1er Adjutant du Général. Collation (Abendessen)».

«A.H.Q., den 8. Oktober 1942. General Guisan bittet Herrn Major Lauener ihm das Vergnügen zu bereiten, den Abend des Dienstags, 20. Oktober, um 1845, in seinem Hauptquartier zu verbringen, um dem Sextett Trechslin (Kammermusik) und dem Quartett Kaelin zuzuhören. u.A.w.g [um Antwort wird gebeten] an den 1. Adjutanten des Generals. Abendessen.»

Das Abendprogramm

Beigelegt zu dieser Einladung fand sich das Programm des Abends mit dem Menü. Die gedruckte Karte wurde von einem Hauptmann Tschudi gestaltet und ist 15,3 cm hoch und 13 cm breit.

Auf der einen Seite des Programms findet sich eine gezeichnete Karte der Schweiz. Neben den grösseren Seen, Flüssen und der Alpenkette sind darauf die, als wehrhafte Burgen dargestellten Städte Genf, Bern, Basel, Luzern, Zürich und Schaffhausen zu sehen. Auf dem ganzen Gebiet der Schweiz wimmelt es von mittelalterlichen Harsthaufen, die mit ihren Langspiessen Igeln gleichen. Neben einzelnen Gruppen von Soldaten sind auch noch einsatzbereite Kanonen auszumachen. Auf dem Bodensee und dem Genfersee kreuzen Kriegsschiffe unter Segeln. Diese Bildsprache ist unmissverständlich.

Vielleicht der Abschreckung, aber kaum der Geheimhaltung dienende Dekoration des Programms (Privatsammlung).

Zwischen dem Thuner- und dem Brienzersee, bei Interlaken, ist eine Schweizer Fahne abgebildet. In dem darunter befindlichen Schriftbanner steht «E.M. partic. du GENERAL» (abgekürzt für «Persönlicher Stab des Generals»). Im oberhalb stehenden Schriftbanner ist das Datum des Anlasses, im unterhalb befindlichen der Name des Eingeladenen, also Major Laueners aufgeführt. Was der für die Geheimhaltung zuständige Offizier zu dieser Darstellung wohl gesagt hat, ist leider nicht überliefert …

Das sich auf der anderen Seite der Karte befindliche Abendprogramm präsentierte sich wie folgt:

«1900 Musique de chambre (Kammermusik)
1935 Apéritif
2000 Collation
(Abendessen)
2100 Quatuor Kaelin (Quartett Kaelin)».

Programm und Menü des Abends (Privatsammlung).

Musik vom Feinsten

Das vor dem Abendessen auftretende Sextett Trechslin, war ein aus Militärangehörigen zusammengestelltes Kammermusik-Ensemble. In der neuen Zürcher Zeitung vom 20. Juni 1942 lesen wir über diese Formation:

«Der Freizeitdienst der schweizerischen Armee hat seine Tätigkeit unter den Leitsatz gestellt, dass für die Soldaten nur das Beste gut genug sein darf. Dass alle Beteiligten dafür dankbar sind, zeigt der Erfolg, den die mehr als hundert Konzerte des vor zwei Jahren zusammengestellten feldgrauen Kammermusik-Ensembles bei den verschiedensten Truppenteilen gefunden haben. Die sechs Berufsmusiker wurden unter der Leitung von Wm. Hans Trechslin (Klavier) aus mehreren Einheiten zusammengestellt.

Unter den vier Füsilieren Fritz Hengartner (Cello), Rudolf Brenner und Rudolf Knecht (Violine) und Hans Ackermann (Viola) trifft man zwei Mitglieder des Tonhalle-Orchesters Zürich, den Konzertmeister des Berner Stadtorchesters und ein Mitglied des Orchesters der Basler Orchestergesellschaft an; als Kontrabassist wurde Tf.-Sdt. Alfons Dallo aufgeboten. Ein Sextett von solcher kammermusikalischer Qualität ist in unserer Armee ein Unikum. In erster Linie spielt es für die im Dienst stehenden Soldatenkameraden; aber soweit die vorhandenen Sitzplätze genügen, werden jeweils als Zuhörer auch Zivilisten zugelassen, deren Eintrittsgeld für militärische Fürsorgezwecke verwendet wird […]».

Das nach dem Abendessen für die musikalische Unterhaltung sorgende Quartett Kaelin war während des Krieges ebenfalls eine bekannte Grösse. Gegründet vom rührigen Freiburger Feldprediger-Hauptmann Pierre Kaelin, vereinte es vier ausgezeichnete Männerstimmen. Kaelin war nicht nur Feldprediger, sondern auch noch ein für die Freizeitgestaltung bei der Truppe zuständiger Offizier. Sehr musikalisch, bildete er als 2. Tenor, zusammen mit drei Angehörigen des Freiburger Gebirgsinfanterieregiments 7, Oberleutnant J. Huwiler (1. Tenor), Leutnant M. Huwiler (Bariton) und Fourier Schroeter (Bass), eine Gesangsgruppe um damit die Soldaten zu unterhalten.

Aufgrund ihrer qualitätvollen Musikdarbietungen wurde das Quartett rasch berühmt. Es gab Konzerte vor militärischem und zivilem Publikum. So war es nicht erstaunlich, dass das Quartett auch zum Geburtstag des Generals eingeladen wurde, um mit ihrer musikalischen Darbietung diese Soirée zu krönen.

Das Quartett Kaelin. V.l.n.r.: Wachmeister, später Fourier Schroeter, Feldprediger Hauptmann Kaelin, Leutnant M. Huwiler, Oberleutnant J. Huwiler (Foto: La tribune de Genève, Nr. 180, 1. August 1940).

Das Menü

Zum Abendessen wurde ein eher einfaches Menü gereicht:

«Consommé en tasse [Kraftbrühe in der Tasse]
Pâté de viande en aspic [Fleischpastete in Gelee]
Salade tessinoise [Tessiner Salat]
Gruyère et fruits [Greyerzerkäse und Früchte]
Café – Liqueurs [Kaffee – Liköre]
Vins: Pully Mezzana [Weine: Pully (ein Waadtländer Weisswein) Mezzana (ein Tessiner Rotwein)]».

Was beim vorgestellten Menü auffällt ist, dass sowohl das Welschland wie auch das Tessin bei der Auswahl der Speisen und Weine vertreten waren. Einzig die Deutschschweizer Komponente fehlte. Allerdings fand dieses Abendessen im Armeehauptquartier in Interlaken, also in der Deutschschweiz, statt. So gesehen, waren somit doch alle drei Landesteile kulinarisch-geografisch an diesem Geburtstagsanlass des Generals vertreten.

Wer weiss, vielleicht findet sich ja unter der geneigten Leserschaft jemand, der dieses Geburtstagsmenü des Generals nachkocht. Hübsch serviert, in passendem Geschirr aus der Zeit, liesse sich so ein Stück – durch den Magen gehende – Geschichte wieder aufleben.

Quellen und Literatur

  • La Liberté, 2. Juli 1940.
  • La tribune de Genève, Nr. 180, 1. August 1940.
  • Courrier de Genève, Nr. 210, 1. August 1940.
  • La tribune den Genève, Nr. 70, 23. März 1942.
  • Neue Zürcher Zeitung, Nr. 972, 20. Juni 1942.
  • Verzeichnisse der eidgenössischen Offiziere, 1915–1943.
  • Lauener, Paul: Erlebte Schulprobleme. Erfahrungen und Erkenntnisse aus einer 30-jährigen Schularztpraxis, Bern 1957.
  • Barbey, Bernard: PC du Général, Journal du chef de l’état-major particulier du général Guisan, Bière 2010.

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