1845: Ein Gewehr aus dem zweiten Freischarenzug
Jörg Ackermann, veröffentlicht am 16.01.2026

«Luzern Eroberung vom Gütsch 1845 / Anton Gama / Altdorf». Diese interessante Inschrift findet sich auf dem Kolben eines alten Gewehrs. Was hat es mit diesem Gewehr auf sich? Welche Geschichte kann es uns erzählen?
Kontext
Am 31. März 1845 abends, besetzten Freischärler im Rahmen des zweiten Freischarenzuges das Gebiet zwischen Littau und der Stadt Luzern. Ebenso besetzten sie den Gütsch oberhalb der Stadt. Ein grosser Teil dieser Freischaren zog aber schon im Lauf der Nacht wieder ab. Früh am nächsten Morgen, dem 1. April 1845, griffen Luzerner Regierungstruppen und Truppen aus den verbündeten Kantonen die verbliebenen Freischärler an und vertrieben diese aus der Umgebung der Stadt Luzern. Zu Kampfhandlungen kam es dabei vor allem auf dem Gütsch und dem dahinter liegenden Sonnenberg.

Die Inschrift am Gewehrkolben bezieht sich natürlich auf diese Ereignisse. Man kann sich durchaus eine spannende Geschichte vorstellen, wie es dazu kam, dass das kleine Gewehr mit dieser Inschrift versehen wurde. Aber was sind die Fakten, was ist Spekulation?
Die Fakten
Zu den Fakten zählt, was in den Tagen vor dem Freischarenzug geschah, also die Bewegungen der verschiedenen Freischarenkontingente auf ihrem Weg zur Stadt Luzern. Ebenso die Reaktion der Luzerner Obrigkeit, welche Truppen sie aufbot, welche Truppen von den verbündeten Kantonen gestellt wurden, und auch die Bewegungen dieser Truppenteile. Ferner wissen wir, wie viele Freischärler gefangen genommen wurden und kennen auch die Grösse der eingebrachten Kriegsbeute an Waffen und Ausrüstung.
Schauen wir im Folgenden, wie es den Truppen erging, die aufgrund des Luzerner Hilfegesuchs vom Kanton Uri entsandt wurden.
Die Urner Truppen
Der Kanton Uri bot vier Kompanien unter dem Kommando von Major Josef Jauch auf. Es waren dies:
Scharfschützenkompagnie Gisler, 92 Mann;
Jägerkompagnie Zwyssig, 87 Mann;
Infanteriekompagnie Huser 85, Mann;
Infanteriekompagnie Lusser 81, Mann.
Diese Truppen wurden in der Nacht vom 31. März auf den 1. April per Dampfschiff nach Luzern gesandt und kamen am 22. April wieder nach Uri zurück.
Wie erging es den Urner Truppen? Der Erste Unterleutnant der Infanteriekompagnie Huser, der spätere Nationalrat Florian Lusser, Altdorf (1820-1889), hinterliess Aufzeichnungen aus erster Hand. Bei der nachfolgenden Tabelle handelt es sich um eine Zusammenstellung seiner Tagebucheinträge:
31. März, Nachmittags 4 Uhr, Einberufung der Urner Truppen;
31. März, Abends 7 Uhr, Vereidigung in der Pfarrkirche Altdorf;
31. März, Nachts, Abfahrt ab Flüelen mit dem Dampfschiff;
1. April, Morgens 2 Uhr, Ankunft in Luzern, Verpflegung beim Rathaus;
1. April, Morgens 4 Uhr, Abmarsch Richtung Senti (Sentimatt), Laden der Gewehre;
1. April, Morgens, Aufstieg zum Sonnenberg, einzelne Geplänkel mit Freischaren;
1. April, Vormittags, Durchkämmen des Waldes, anschliessend Abstieg;
1. April, Mittags, Halt in Littau, Verpflegung;
1. April, Nachmittags, Marsch über die Emme nach Hellbühl;
1. April, Abends, Marsch nach Ruswil;
1. April, Nachts, Ankunft in Grosswangen.

Betreffend des weiteren Einsatzes der Urner Truppen finden wir in den Aufzeichnungen von Unterleutnant Florian Lusser folgendes:
2. April, Morgens, Marsch nach Schötz, dann Weitermarsch;
2. April, Mittags, Ankunft in Dagmersellen;
2. April, Nachmittags, Wachtdienst in Reiden;
3. April, Morgens, Rückmarsch Richtung Sursee;
3. April, Mittags, Ankunft in Sursee;
3. April, Nachmittags/Abends, Rückmarsch nach Luzern;
4. bis 9. April, Garnisonsdienst und Wachtdienst in Luzern;
10. bis 20. April, Garnisonsdienst in verschiedenen Entlebucher Dörfern;
21. April, Rückmarsch Richtung Luzern, Quartier in Emmen;
22. April, Verabschiedung auf dem Mühleplatz in Luzern, Rückfahrt nach Uri.
Florian Lusser hat festgehalten, was in seiner unmittelbaren Umgebung geschah. Stellen wir seine Erlebnisse in einen übergeordneten Kontext.
Das Gros der Luzerner und verbündeten Truppen verschob sich auf der Strasse von Luzern nach Littau. Bei diesen Truppen befand sich auch die Urner Infanteriekompagnie Huser. Grössere Gefechte gab es vor allem auf ihrer linken Seite, auf dem Gütsch. Von den Urner Truppen hatten die Scharfschützenkompagnie Gisler und die Jägerkompagnie Zwyssig direkten Anteil an diesen Gefechten auf dem Gütsch.
Gegen Ende des Gefechts auf dem Gütsch wurden stärkere Kräfte der Freischaren auf dem Sonnenberg festgestellt. Die Infanteriekompagnie Huser wurde zusammen mit Unterwaldner Einheiten gegen diese Ansammlung von Freischaren eingesetzt. Bei diesem Angriff ab der Strasse nach Littau hinauf zum Sonnenberg, befand sich die Infanteriekompagnie Huser an vorderster Front.
An diesem Tag sind die Urner insgesamt 28 km marschiert. Dabei waren sie die ersten fünf Kilometer zwischen Luzern (Sentimatt) und Littau in Gefechte verwickelt (Sonnenberg und Gütsch). Anschliessend sie sind noch ca. 23 km gefechtsbereit weitermarschiert.
Aus den Aufzeichnungen Lussers und auch aus dem Bericht des Luzerner Oberkommandierenden, General Ludwig von Sonnenberg, geht hervor, dass die Kriegsbeute, also Gewehre, Bajonette, Artillerie, Wagen usw. gesammelt und in Luzern gelagert und ausgestellt wurde. Erbeutet wurden 8 Geschütze mit Fuhrpark und Munitionswagen, sowie über 2000 Gewehre.

Das Perkussionsgewehr


Linke Seite des Gewehrs. Am Mittelband fehlt ein Bügel für den Tragriemen.
Das Gewehr ist 104 cm lang und hat ein Kaliber von 17.5 mm. Es war ursprünglich ein Steinschlossgewehr, wurde aber auf Perkussion transformiert. Es scheint, die Waffe ist ein Zusammenbau aus diversen Teilen, welche eine zweite Verwendung fanden. Hinterband, Vorderband und die Schlossplatte tragen Abnahmestempel aus der Zeit der Französischen Revolution.

Das Mittelband ist ein einfaches Messingblech. Der Lauf hat auf der Unterseite Reste von Ösen, welche abgefeilt wurden. Der Schaft hat Aussparungen, welche nicht mehr verwendet werden. Zudem ist der Schaft weniger sorgfältig und ungenauer bearbeitet als dies bei Militärgewehren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts üblich war. Das Gewehr war wohl keine Militärwaffe, sondern diente eher als Notbewaffnung, als Privatwaffe, oder vielleicht auch als Kadettengewehr.


Es ist unwahrscheinlich, dass dies die Waffe eines regulären Urner Soldaten war, welcher zur Abwehr der Freischaren nach Luzern entsandt wurde. Viel eher handelt es sich um eine Freischarenwaffe, welche im Lauf der Ereignisse um dem 1. April verloren ging.
Das Freischarengewehr und Anton Gamma
Das „m“ von „Gama“ trägt einen Querstrich, was eine Verdoppelung des Buchstabens bedeutet, also „Anton Gamma“.
Zur Person Anton Gamma stellen wir fest, dass alleine auf genealogischen Websites mindestens drei Anton Gamma mit Geburt in Altdorf zu finden sind, welche sich im Auszugsalter (zwischen 20 und 30) befanden. Dazu kommen noch mindestens ein Dutzend weitere Anton Gammas im restlichen Kanton Uri. Ein Josef Anton Gamma aus Meien bei Wassen war der einzige Verwundete bei den Urner Truppen. Er erhielt eine Schusswunde in den Fuss. Genealogische Websites führen einen Jakob Josef Anton Gamma von Meien bei Wassen (1814 – 1880), dessen Lebensdaten gut zum verwundeten Urner Soldaten passen. Es ist aber unwahrscheinlich, dass dies der Besitzer des Perkussionsgewehrs war, da er in Wassen und nicht in Altdorf lebte.
Es ist gut möglich, aber nicht erwiesen, dass der Anton Gamma, welcher sich auf dem Gewehrkolben verewigte, auf der Seite der Urner Truppen am Gefecht auf dem Gütsch teilgenommen hat. Unwahrscheinlich ist, dass ein Urner Soldat eine bei der Eroberung des Gütschs erbeutete Waffe mitgenommen hat und diese zusätzlich zu seiner Ausrüstung den Rest des Tages mitgetragen hat. Auch für den verwundeten Josef Anton Gamma war es wohl nicht möglich, bei seiner Rückführung ins Lazarett eine Beutewaffe mitzunehmen. Zudem wurden die Beutewaffen gesammelt und nach Luzern gebracht.
Vielleicht hat sich der Soldat Anton Gamma in seiner Zeit im Garnisonsdienst in Luzern oder im Entlebuch die Waffe beschafft. Sei es bei der Durchsuchung von Gehöften oder bei der Entwaffnung versprengter Freischärler. Möglich ist auch, dass er das Gewehr in dieser Zeit durch Kauf erworben hat. Die Waffe war kein Militärgewehr, deshalb haben die Luzerner Militärbehörden es wohl nicht zur Verwendung im eigenen Militär einbehalten. Somit könnte es durch einen Soldaten als Souvenir erworben worden sein.
Wir können trotz aller Spekulation annehmen, dass ein Urner Soldat namens Anton Gamma stolz war auf seine Taten am 1. April 1845 und dies auf dem Kolben der Waffe verewigte.
Falls Leserinnen oder Leser dieses Artikels weiterführende, ergänzende oder korrigierende Informationen besitzen, freue ich mich auf ein Feedback. Insbesondere über den Herstellungsort oder den Verwendungszweck des kleinen Gewehrs habe ich wenig Informationen.
Quellen und Literatur
- Historisches Lexikon der Schweiz.
- Von Sonnenberg, Ludwig: Bericht über die Gefechte vom 31. März und 1. April 1845, Luzern 1845.
- Wymann, Eduard / Meyer, Bernhard: Zeitgenössische Aufzeichnungen über den Freischarenkrieg von 1845, in; Historisches Neujahrsblatt, Historischer Verein Uri, Band 29, 1923.
- Ackermann, René: Seinen tapferen Soehnen das dankbare Vaterland, Militärische Verdienst- und Gedenkmedaillen der Schweiz des 17., 18. und 19. Jahrhunderts, Horw 2024.
- MyHeritage.ch, Genealogischen Website.
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