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1859: Die Gebirgsartillerie-Rekrutenschule erklimmt den Pilatus

September 1859. Die Schweizer Presse vermeldet: «Die Bergartillerieschule in Luzern hat wieder einmal unter der Leitung des eidgenössischen Obersten Wehrli eine Prachtsprobe abgelegt, nämlich Artillerie auf die höchste Spitze des Pilatus praktiziert. Hier donnerte eine Haubitze und ihre Hohlkugeln platzten eben so prächtig als richtig an den Felsen des Tomlishorn. Nächst der trefflichen Leitung verdankt man das Gelingen der Operation den kräftigen Schultern namentlich der Bündner Mannschaft.»

Abfeuern eines Gebirgsgeschützes. Diese eindrückliche Fotografie zeigt eine 7,5 cm Gebirgskanone der Ord. 1877 (Ansichtskarte um 1900, Privatsammlung).

Die Anfänge der schweizerischen Gebirgsartillerie

Grosse Teile der Schweiz sind von Höhenzügen und Gebirgen bedeckt. 1841 beschloss die Tagsatzung deshalb, neben der bereits bestehenden Feldartillerie, der Raketenartillerie, der Positions- und der Parkartillerie, auch noch eine Gebirgsartillerie zu schaffen. Allerdings hielt sich die Grösse dieser neuen Truppe in Grenzen. Denn sie bestand aus nur vier Batterien. Die beiden Gebirgskantone Wallis und Graubünden hatten für jeweils je eine Auszugs- und Reservebatterie Material und Personal zu stellen.

Bepackung der Maultiere oder Saumpferde mit Geschützrohr

Die Geschütze dieser Batterien mussten relativ klein und handlich sein. Denn zwischen der Feldartillerie und der Gebirgsartillerie bestand ein wesentlicher Unterschied. Bei der Feldartillerie wurden die Geschütze stets gefahren. Zugtiere, mitunter unterstützt von menschlicher Muskelkraft, bewegten die Stücke. Bei der Gebirgsartillerie hingegen mussten die Geschütze auch mal zerlegt und auf dem Rücken von Saumpferden oder Maultieren transportiert oder auf Schlitten gezogen werden.

… Lafette und …

Deshalb wählte man für die Gebirgsartillerie 8-Pfünder Gebirgshaubitzen, wie sie die französische Armee bereits seit 1829 in Verwendung hatte. Eine eigentliche schweizerische Ordonnanzbezeichnung erhielten diese Geschütze erst 1861. Das Rohr aus Geschützbronze hatte eine Länge von 97 cm, ein Kaliber von 12 cm und wog 100 kg. Das Gesamtgewicht des feuerbereiten Geschützes betrug 211 kg. Die effektive Schussweite lag bei etwa 500 m.

Die schweizerische Alpenwelt war zur damaligen Zeit verkehrstechnisch noch wenig erschlossen. Kaum eine Strasse die diese Bezeichnung verdiente, führte auf oder über die Höhen. Und wenn nicht mehr gefahren werden konnte, mussten die Geschütze eben getragen werden. Zu diesem Zweck beschaffte die Eidgenossenschaft aus Beständen der französischen Armee spezielle Lastsättel.

… Munitionskiste (Ordonnanz über das Materielle der Gebirgs-Batterien der Eidgenössischen Armee, vom 22. April 1861).

Die Ausmärsche in den 1840er und 1850er Jahren

1844 fanden auf dem Waffenplatz Thun erste Ausmärsche mit dem neuen Geschirr statt. Man belud zwei Maultiere mit einem in seine Hauptbestandteile zerlegten Geschütz. So marschierte man dann von Thun via Blumenstein auf den Gurnigel und über Wattenwil wieder zurück nach Thun. Ein weiterer Ausmarsch führte nach Erlenbach im Simmental und dann quer über die Stockhornkette zurück nach Thun. Dabei bewährten sich die Lastsättel der Maultiere vollkommen.

Ein Problem stellte sich dennoch. Im Kanton Graubünden, der zwei der vier Gebirgsbatterien stellte, waren nur sehr wenige Maultiere vorhanden. Denn dort wurde zum Transport von Lasten dem Pferd der Vorzug gegeben. So wurden in Chur Versuche mit zum Transport von Geschützen angepassten Lastsätteln für Pferde durchgeführt. Zu diesem Zweck fand im Sommer 1845 ein mehrtägiger Ausmarsch statt. Wer sich die Mühe macht und die dabei zurückgelegte Strecke auf der Karte betrachtet, kommt nicht umhin, diese Leistung als «Gewaltmarsch» zu bezeichnen. Mit dabei auf diesem Zug war auch Hauptmann im Artilleriestab Heinrich Wehrli.

Oberst im Artilleriestab Heinrich Wehrli (1815–1890) von Zürich (Fotografie nach 1861, von J. Keller, Zürich, Privatsammlung).

Mit drei Pferden und einer Gebirgshaubitze marschierte man von Chur über Thusis und Andeer nach Juf. Von dort ging es über den 2581 m hohen Vallettapass nach Bivio und über den Julierpass nach Sankt Moritz. Danach ging es nach Zouz und anschliessend über den 2606 m hohen Scalettapass nach Davos. Schliesslich gelangte man über Klosters und das Prättigau wieder zurück nach Chur.

Der Sonderbundskrieg von 1847 und der Wandel der Eidgenossenschaft vom Staatenbund zum Bundesstaat im Jahr 1848 führten dazu, dass erst Mitte der 1850er Jahre die Ausmärsche der Gebirgsbatterien wieder aufgenommen wurden. So unternahm im September 1856 Oberstleutnant Wehrli mit der Bündner Gebirgsbatterie einen viereinhalbtägigen Marsch von Chur durch das Schanfigg nach Langwies und dann über den 2346 m hohen Strelapass nach Davos. Von dort ging es durch das Landwassertal und die Lenzerheide wieder zurück nach Chur.

Doch nicht nur im Berner Oberland und im Bündnerland, sondern auch in der Innerschweiz fanden Ausmärsche statt. Im Mai 1856 marschierte man mit Lastpferden von Luzern in einem Tag auf Rigi-Kulm auf 1797 m ü. M. Am anderen Tag ging es dann über die Rigi-Scheidegg nach Gersau und wieder zurück nach Luzern.

Alle diese Märsche dienten nicht nur zur Ertüchtigung der Mannschaft, sondern auch zur Erprobung des Materials. Bei den Lastsätteln der Pferde konnten so laufend Verbesserungen vorgenommen werden. Um auch die Sättel der Maultiere gegebenenfalls noch etwas optimieren zu können, fand im Oktober 1856 wieder ein Ausmarsch mit diesen Tieren statt. Von Thun ging es nach Weissenburg im Simmental. Von dort wurde die Gantrischkette überquert und via Gurnigelbad zurück nach Thun marschiert.

Auch die Walliser Gebirgsbatterie machte ihre Erfahrung mit langen Ausmärschen. Im Jahr 1857 marschierte sie von Leuk im Wallis über den 2314 m hohen Gemmipass nach Kandersteg und weiter nach Thun. Von dort ging es durch das Simmental, Château-d’Oex und den Col des Mosses wieder ins Wallis zurück. Verfolgt man auch diese Strecke auf der Karte, kann man wiederum nur staunen ob dieser Leistung.

Ebenfalls noch im Jahr 1857 unternahmen Bündner und Walliser Gebirgsartilleristen einen weiteren, mehrtägigen Marsch von Luzern aus. Zuerst ging es, wie schon im Jahr zuvor, wieder auf die Rigi und dann hinunter nach Gersau. Von dort weiter nach Brunnen und dann mit Schiffen über den See nach Treib. Via Seelisberg, Emmetten, Beckenried und Stans ging es nach Stansstad und von dort wieder mit Schiffen nach Luzern. Bemerkenswert an diesem Ausmarsch war, dass sowohl auf der Rigi, als auch in Brunnen, in Seelisberg sowie in Emmetten nicht unterlassen wurde, mit den Geschützen zu schiessen. Man erfreute sich dabei an deren Donnern und ergötzte sich nicht minder an der davon verschreckten Landbevölkerung.

Idealisierende Darstellung eines Kanoniers und eines Artillerieoffiziers. Ob Feld-, Gebirgs-, Raketen-, Positions-, oder Parkartillerie, alle Artilleristen trugen gleiche Uniformen (Unsignierte Lithographie, wohl Alexandre Michon, um 1852, Privatsammlung).

Die Uniformierung und Bewaffnung der Gebirgsartilleristen

Das eidgenössische Bekleidungs- und Ausrüstungsreglement von 1843 legte die Uniformierung der Artilleristen fest. Die Angehörigen der Feld-, Gebirgs- und Raketenbatterien, der Positions- und Parkkompanien trugen alle die gleiche Uniform. Als Kopfbedeckungen diente ein relativ hoher, beinahe zylindrischer Tschako. Im Quartier oder zum Arbeitstenue trug man eine dunkelblaue Feldmütze mit roten Vorstössen.

Als Oberkleid diente ein Uniformfrack mit relativ kurzen Schössen. Die Farbe des Fracks war dunkelblau. Der Stehkragen, die Schossumschläge und die Vorstösse waren scharlachrot. Auf den Schossumschlägen prangten dunkelblaue Granaten. Der Frack wurde mit zwei Reihen Knöpfen geschlossen. Diese trugen das Gepräge von zwei gekreuzten Kanonenrohren und einer darüber stehenden Granate. Auf den Schultern trug man entweder messingene Schuppenbänder oder wollene, rote Epauletten.

Beim Inneren Dienst und oft auch zur Arbeit wurde eine sogenannte Ärmelweste getragen. Diese war dunkelblau und wurde mit einer Reihe von neun kleinen Uniformknöpfen geschlossen. Salopp gesagt, sah diese in etwa so aus wie ein einfacher Uniformfrack mit abgeschnittenen Schössen. Bei Kälte trug man einen grauen Kaputmantel.

Die Hosen waren dunkelblau. Diejenigen der Berittenen waren mit einem ledernen Besatz zwischen den Beinen versehen. Als zweites Paar Beinkleider dienten Hosen aus Leinen. Diese wurden im Quartier oder auch bei sommerlichen Temperaturen getragen.

Die Offiziere trugen die gleiche Uniform wie die Mannschaften. Da sie ihre Bekleidung selbst finanzieren mussten, war diese in der Regel von besserer Qualität und besserem Schnitt. An den Aussenseiten ihrer Hosen waren je zwei breite, rote Streifen aufgenäht. Die sich auf den Rockschössen befindlichen Granaten und die Epaulettenhalter waren vergoldet.

Drei höhere Unteroffiziere der Artillerie um 1860. Der in der Mitte stehende Adjutant Unteroffizier trägt dieselbe Uniform wie die Artillerieoffiziere. Der links sitzende Fourier und der rechts sitzende Feldweibel tragen die Uniform der berittenen Artilleristen. Die Uniform der beiden Letztgenannten unterschied sich von derjenigen der Soldaten einzig durch die Gradabzeichen auf den Ärmeln (Fotografie aus der Zeit, Privatsammlung).

Als Bewaffnung der Artilleriemannschaft diente ein kurzer Infanteriesäbel nach französischem Modell, das sogenannte «Briquet». Die berittenen Artillerieunteroffiziere und die Offiziere trugen einen langen Kavalleriesäbel und eine, bzw. zwei Kavalleriepistolen. Das Lederzeug der Unteroffiziere und Soldaten war weiss, dasjenige der Offiziere schwarz.

Nach der 1848 erfolgten Gründung des schweizerischen Bundesstaates erschien 1852 das «Reglement über die Bekleidung, Bewaffnung und Ausrüstung des Bundesheeres». Dieses regelte Uniformierung und persönliche Bewaffnung der Wehrmänner sehr detailliert. Die Uniform der Artilleristen blieb die bisherige. Einzig die Kopfbedeckung änderte und die vereinzelt noch getragenen messingenen Schuppenbänder mussten nun überall den roten, wollenen Epauletten weichen. Der neue Tschako war immer noch relativ hoch. Jedoch war er nun oben schmäler als unten. Die Garnitur des Tschakos bestand aus zwei gekreuzten, messingenen Kanonenrohren, einer messingenen Ganse (ein senkrechter Blechstreifen) mit einer Granate, einer Kantonalkokarde und einem roten Pompon mit Flamme. Zusätzlich war noch die Nummer der Kompanie mit messingenen Ziffern angebracht.

Die Bewaffnung der unberittenen Artilleristen bestand fortan aus einem Briquet-Infanteriesäbel oder, was meistens der Fall war, einem Faschinenmesser. Die berittenen und fahrenden Artilleristen waren mit einem schweren Artilleriesäbel mit Messinggriff und einer Perkussionspistole bewaffnet. Gewehre wurden nur von den Parkartilleristen geführt.

Der Ausmarsch von 1859 auf den Pilatus

Die Rekrutenschule der Gebirgsartillerie des Jahres 1859 fand in Luzern statt. Sie dauerte vom 31. Juli bis 10. September. Kommandiert wurde die Schule von Oberst Heinrich Wehrli. Am 24. August startete ein zweitägiger Ausmarsch eines aus Walliser und Bündner Rekruten gebildeten Detachements von 38 Mann auf den Luzerner Hausberg, den 2128 m hohen Pilatus. Im Gegensatz zu heute, gab es damals weder Seilbahn noch Zahnradbahn die auf den Gipfel führten. Wer die Aussicht geniessen wollte, oder der Meinung war, er müsse da oben ein paar Kanonenschüsse donnern lassen, der musste wohl oder übel zu Fuss hinauf. Das auf einem markanten Bergsattel, etwas unterhalb gelegene Hotel Klimsenhorn war zu der Zeit noch im Bau, das erste Hotel oben auf Pilatus Kulm, wurde erst ein Jahr später, 1860, erstellt. Über diesen Ausmarsch war in der «Allgemeinen schweizerischen Militärzeitung» folgendes zu lesen:

«Bericht über den zweitägigen Uebungsmarsch zur Besteigung des Pilatus mit der eidg. Gebirgsartillerie-Rekrutenschule in Luzern.

Unter dem Befehle des Herrn eidg. Obersten Wehrli wurde am 24. August 1859 die Reise zur Besteigung des Pilatus mit folgendem Bestand angetreten: Hr. Stabshauptmann Bründler, Kriegskommissär; Hr. I. Artillerie-Unterlieut. Brun; Hr. Thalmann, Civilarzt; 2 Unterinstruktoren, Neuenschwander und Locher; 16 Kanonier-Unter-offiziere und Soldaten; 12 Train-Unteroffiziere und Soldaten; 1 Trompeter; 1 Frater; 1 Hufschmied; 1 Sattler; 3 Reitpferde; 6 Bastpferde; 3 Maulthiere; 2 Geschütze; 4 Munitionskasten und Gepäck.

Die Nordwestflanke des Pilatus. Hier fand im August 1859 der Ausmarsch der Gebirgsartillerierekrutenschule statt (Ansichtskarte, Privatsammlung).

Laut Tagesbefehl vom 23. August fand der Abmarsch von Luzern um 4 Uhr Morgens in bester Ordnung statt. Etwas über Horw wurde gebastet, um auf dem Waldweg nach Hergiswyl zu gelangen, wo wir 6 1/4 Uhr ankamen. Hier wurde gefrühstückt, den Pferden einige Ruhe gegönnt und um 7 Uhr mit bepackten Pferden abmarschirt.

Auf einem guten Wege von nicht bedeutender Steigung konnten wir mit wenig Anstrengung schon um 9 1/4 Uhr die Sage bei Frakmünd erreichen, wo man Halt machte. Hier wurde abgebastet, die Pferde wurden mit Brod gefüttert und getränkt. Um 10 Uhr Abmarsch. Der Weg, obwohl gut, fing bald an sehr mühsam zu werden, da die Steigung eine bedeutende ist und die Sonne sehr heiss schien. Jedoch konnte man nach zwei Stunden, allerdings etwas müde, also um 12 Uhr, die 36 Kehren zurücklegen und das Wirthshaus auf dem Klimsenhorn erreichen.

Nach einer guten Mahlzeit und Fütterung der Pferde wurden 2 Maulthiere bepackt, um ein Geschütz bis zum sogen. Kriesiloch zu bringen. Die Munition wurde in die Patronensäcke verladen, das Uebrige blieb zurück.

Beim Kriesiloch angelangt, fing ein schweres Stück Arbeit für die Mannschaft an; allein Körperstärke und Muth verwandelten es in einen fröhlichen Wettkampf. Dabei zeichneten sich besonders aus: Kanoniergefreiter Hosig, Franz, von Splügen, der die Piece [das 100 kg schwere Geschützrohr] die Leiter hinauftrug und Kanonier Pool, Lorenz, von Bergell, der die Laffete von der letzten Kehre vor dem Kriesiloch ununterbrochen bis zum Fuss vom Esel trug. Die Geschützröhre wurde vom Kriesiloch bis auf den Esel abwechselnd von 7 Kanonieren und Trainsoldaten von Graubünden und 1 Walliser getragen.

Das Hotel Klimsenhorn, im Text «Wirthshaus» genannt. Es wurde von 1856 bis 1860 erbaut. 1966 brannte es nieder, wurde ein Jahr später abgerissen und nicht wieder aufgebaut (Ansichtskarte um 1910, Privatsammlung).

Der grossen Wegstrecke wegen kann man sagen, dass die ganze Mannschaft zum Tragen kam, wobei glücklicher Weise kein einziger Unfall geschah. Nach 3 Schüssen auf dem Esel legte man wieder mit grosser Mühe und Anstrengung den gleichen Weg zurück, wobei aber zu bemerken ist, dass die Piece und Laffete durch das Kriesiloch hinunter geschleift wurden. Um 5 Uhr kamen wir wieder beim Wirthshaus an.

Das Chriesiloch, im Text «Kriesiloch» geschrieben, ist ein natürlicher, kaminartiger Durchbruch fast zuoberst im Pilatusmassiv. Seinen Namen erhielt es der Legende nach von Vögeln, die dort Kirschen ablegten. 1855 wurde dieser Durchlass soweit ausgebrochen, dass eine hölzerne Leiter darin angebracht werden konnte. Dadurch war der Aufstieg auf den Grat und zum Esel etwas einfacher zu schaffen. «Esel» heisst das, von Luzern aus gesehen, linke Horn des Pilatus (Ansichtskarte um 1910, Privatsammlung).

Unterdessen waren die andern Pferde bepackt worden und konnten wir gegen 5 1/4 Uhr nach Frakmünd marschiren, wo man dann den Weg links nach dem Eigenthal einschlug. Nun verschlimmerte sich der Weg von Schritt zu Schritt und bot immer neue Hindernisse dar. Die Steilheit, Unebenheit und sumpfige Beschaffenheit der Gegend verzögerten unsern Marsch so sehr, dass wir uns plötzlich an einem sehr steilen Abhang mitten in der Nacht befanden.

Da unser Führer den Weg, der übrigens kaum als solcher bezeichnet werden kann, nicht mehr finden konnte, so blieb nichts anders übrig als nach einigen fruchtlosen Rekognoszierungen abzuwarten bis man Leute geholt hatte, um uns zu einer nahen Sennhütte zu führen. Da es, nach den Aussagen der Sennen, unmöglich gewesen wäre, den Weg fortzusetzen, theils wegen der Müdigkeit der Thiere, theils wegen der grossen Dunkelheit und Entfernung bis zu unserm Bestimmungsort, so beschloss Herr Oberst Wehrli in dieser Alp zu übernachten.

Zustieg zum Chriesiloch und oberer Ausstieg mit Blick auf den Esel im Hintergrund. (Lithografie um 1860, Privatsammlung).

Nach einem frugalen Abendbrod konnte man die Thiere und einen Theil der Mannschaft in zwei Ställen unterbringen, während der andere Theil ein Bivouak bezog. Bei der grossen allgemeinen Müdigkeit schmeckten Nachtessen und Ruhe so süss, dass man am folgenden Morgen 6 1/2 Uhr ohne irgend Schaden gelitten zu haben, abmarschieren konnte. Ich kann da nicht vergessen, die ausgezeichnete Zuvorkommenheit zu loben, mit der uns die Sennen dieser Alp empfingen und behandelten. Der Weg von der Hütte ins Eigenthal bot manche Schwierigkeit dar, da wir mit Sümpfen und sehr jähen Abhängen zu kämpfen hatten. Um 8 1/2 Uhr waren wir im Eigenthal, wo man bis 10 1/4 Uhr blieb. Von da kamen wir über die Stösse und Kriens in circa 4 Stunden nach Luzern, wo wir um 2 Uhr Nachmittags Alle gesund anlangten.

Die Witterung war während der ganzen Tour sehr günstig, das Betragen der Mannschaft gut, die Ausdauer gross. Die Habervorräthe reichten hinlänglich hin. Die Verpflegung war gut und die Mannschaft damit zufrieden. Die neuen Sättel bewährten sich als gut, besonders wenn deren Kissen hinten recht lang sind. Während der ganzen Reise geschah kein Unglück und man brachte keinen einzigen Sattel- oder Gurtdruck, überhaupt kein verletztes Thier heim.»

Dieser bemerkenswerte Ausmarsch der Gebirgsartillerie-Rekrutenschule auf den Pilatus machte nicht nur in der Schweizer Presse die Runde. Selbst österreichischen und bayrischen Blättern war diese Leistung eine Meldung wert.

Die Schweizer Gebirgsbatterien in Zahlen

Am Schluss dieses kurzen Blicks zurück auf die ersten Ausmärsche der schweizerischen Gebirgsartillerie stehen noch ein paar Zahlen.

Jede der vier Gebirgsbatterien verfügte über vier 8-Pfünder- Gebirgshaubitzen. Dazu kamen noch vier Ergänzungsgeschütze. Gegen Ende der 1850er Jahre wurden dann noch sechs weitere Stücke angeschafft, sodass schlussendlich 26 Geschütze zur Verfügung standen.

Seit 1850 wies jede Gebirgsbatterie einen Sollbestand von 115 Mann auf. Es waren dies: 1 Hauptmann (beritten), 1 Oberleutnant (beritten), 1 I. Unterleutnant (beritten), 1 II. Unterleutnant (beritten), 1 Arzt mit Oberleutnantsrang (beritten), 1 Pferdearzt mit II. Unterleutnantsrang (beritten), 1 Feldweibel, 1 Fourier, 1 Trainwachtmeister (beritten), 5 Kanonierwachtmeister, 5 Kanonierkorporale, 2 Trainkorporale (beritten), 10 Kanoniergefreite, 4 Traingefreite, 1 Frater, 1 Hufschmied, 1 Schlosser, 1 Wagner, 1 Sattler, 3 Trompeter, 28 Kanoniere und 44 Trainsoldaten.

Die beiden Bündner Gebirgsbatterien trugen ab 1853 die Nummern 26 (Auszug) und 54 (Reserve). Die Walliser Batterien waren mit 27 (Auszug) und 55 (Reserve) nummeriert.

Unteroffizier der Walliser Gebirgsbatterie 27 in der nach 1861 getragenen Uniform. Diese unterschied sich nur durch den etwas niedrigeren Tschako und das schwarze Lederzeug von derjenigen, welche 1859 beim Ausmarsch auf den Pilatus getragen worden ist. Allerdings darf angenommen werden, dass der Truppe damals, angesichts der sommerlichen Temperaturen und der Anstrengung, ein leichteres Tenue gestattet worden war. Statt Tschako, Uniformfrack und wollenen Hosen, war man wahrscheinlich mit Feldmütze, Ärmelweste und Leinenhosen unterwegs. (Fotografie nach 1861, von H. Brauns, Sion, Privatsammlung).

Quellen und Literatur

  • Allgemeine schweizerische Militärzeitung 1858, S. 69–70.
  • Allgemeine schweizerische Militärzeitung 1859, S. 14.
  • Allgemeine schweizerische Militärzeitung 1859, S. 271–272.
  • Der Liberale Alpenbote, Nr. 204, 1. September 1859, S. 827.
  • Ordonnanz über das Materielle der Gebirgs-Batterien der Eidgenössischen Armee, vom 22. April 1861.
  • Kunz, Adolf: Hundert Jahre schweizerische Gebirgsartillerie; in: SAC, Die Alpen, 1949.
  • Info Bulletin, Verein Schweizer Armeemuseum, Nr. 3/11, S. 3–23.
  • Ackermann, René: Uniformen der Schweizer Armee 1852–1874, Eine Sammlung historischer Fotografien und Vorschriften, Horw, 2023.

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