1872: Das Bandelier zum Karabiner der Kavallerie
René Ackermann, veröffentlicht am 14.08.2026

Eine Masse von Kavalleristen reitet säbelschwingend eine Attacke. So stellt man sich gemeinhin den Kampfeinsatz einer militärischen Reitereinheit vor. Etwas, was in napoleonischer Zeit auch durchaus noch der Wirklichkeit entsprach. Doch nach der Mitte des 19. Jahrhunderts verkam diese Art des Angriffs zu blossem Wunschdenken. Verlustreiche Erfahrungen im Krimkrieg und im deutsch-österreichischen Krieg führten zu einem Umdenken bezüglich der Einsatzart der Kavallerie. Nicht mehr der Säbel galt fortan als Hauptwaffe des Reiters, sondern seine Feuerwaffe.
Durch die Entwicklung von Hinterladergewehren, konnten die durch die Kavallerie angegriffenen Infanteristen wesentlich schneller nachladen. Ausserdem konnten sie das nun am Boden, in Deckung liegend tun und waren nicht mehr gezwungen, für diese Tätigkeit wie zu Vorderladers-Zeiten aufzustehen. Somit war der Infanterist nun auch weniger den Säbelhieben der anreitenden Kavallerie ausgesetzt. Als endlich gegen Ende der 1860er Jahre auch noch die ersten Mehrladegewehre, also Gewehre die über ein integriertes Patronenmagazin verfügten, in Gebrauch kamen, war es mit dem Säbelschwingen dann so ziemlich rapide vorbei.

Diese Entwicklung erkannte auch die Schweizer Armee. Nachdem bereits die Infanterie zu Beginn der 1870er Jahre mit Hinterlader-Mehrladegewehren des Systems Vetterli ausgerüstet worden war, wurde auch die Bewaffnung der Kavallerie mit einem solchen Gewehr ins Auge gefasst. Denn bis zu diesem Zeitpunkt waren die schweizerischen Kavalleristen, neben dem Säbel, einzig noch mit Pistolen ausgerüstet, die in sehr ähnlicher Art schon von ihren Urgrossvätern geführt worden sind. Diese einläufigen Vorderladerpistolen mit Perkussionszündung galten als Muster der Unzweckmässigkeit.
Erstens konnten sie im Gefecht nur einmal abgefeuert werden, denn unter Feindeinwirkung war ein langwieriges Nachladen schlichtweg nicht möglich. Dass deshalb jeder Kavallerist über zwei solcher Pistolen verfügte, machte die Sache auch nicht wirklich besser. Zweitens waren die Pistolen wegen ihres kurzen Laufes höchst unpräzise. Zumal dieser Lauf, da die Kugel ja von vorne geladen wurde, einen etwas grösseren Innendurchmesser als der Kugeldurchmesser aufweisen musste. Nur so war es überhaupt möglich, die Kugel von Hand, mit Hilfe des Ladestockes in den Lauf zu pressen. Diese unterschiedlichen Durchmesser führten dazu, dass die Kugel beim Abfeuern, etwas überspitzt formuliert, dem Innern des Laufes entlang«rollte» und diesen dann bei der Mündung mit ziemlich zufälliger Abgangsrichtung verliess. Auf Distanzen von mehr als zehn bis zwanzig Schritt, waren gezielte Treffer daher kaum mehr möglich. Drittens schliesslich, bestand die Gefahr, dass sich bei der geladenen Pistole während des Reitens die Kugel und Pulverladung losrüttelten, die Pistole im Ernstfall also nicht zuverlässig abgefeuert werden konnte. Aufgrund all dessen, wurden diese Vorderladerpistolen gemeinhin als nur zum Lärm machen und um sich damit gegenseitig auf den Kopf zu schlagen tauglich betrachtet.

Schon zu napoleonischer Zeit wurden deshalb Kavalleristen ab und an mit Gewehren ausgerüstet. Diese Gewehre waren deutlich kürzer als diejenigen der Infanterie. Denn nur so konnten sie von den Reitern notfalls auch zu Pferd nachgeladen werden und hinderten diese nicht allzu sehr beim Ritt durch Wald und Gelände. Diese kurzen Gewehre wurden als Karabiner bezeichnet. Auch einzelne Schweizer Kantone bewaffneten in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts ihre Reitereinheiten mit solchen Karabinern. Da diese Karabiner aber an den genau gleichen Gebrechen wie die Pistolen litten, also keinen Mehrwert, sondern eher eine Belastung darstellten, wurden sie nie zu einem Erfolg. Als letzter Kanton schaffte Basel 1841 den Reiterkarabiner ab. Doch dreissig Jahr später, 1871, kam der Karabiner bei der Schweizer Kavallerie doch wieder zu Ehren.

Denn zwischenzeitlich hatte sich in der Entwicklung der Feuerwaffen einiges getan. Ein neu entwickelter, nun zuverlässig funktionierender, mit Metallpatronen zu ladender Vetterli-Hinterladerkarabiner, eidg. Ord. 1871, der über eine Magazinkapazität von sechs Patronen verfügte, wurde zur neuen Feuerwaffe der Kavalleristen. Während gut zwanzig Jahren, bis zur Umrüstung auf den Mannlicher-Karabiner Ord. 1893, führten die Dragoner diese Waffe. Auf Fotografien aus der Zeit ist dieser Karabiner allerdings selten zu sehen. Anscheinend passte er nicht so ganz in das Selbstbild der Kavalleristen, die immer noch den langen Säbel als ihre Hauptwaffe betrachteten. So sieht man dann auf praktisch jeder dieser alten Fotografien den Reiter zwar mit seinem Säbel, seinen Karabiner präsentiert er aber höchst selten.
Vielleicht war diese Tatsache auch dem Umstand geschuldet, dass der Karabiner der Kavallerie nicht dazu gedacht war, vom Pferderücken abgefeuert zu werden. Vielmehr sah man vor, dass die Dragoner ihr Pferd bloss zum schnellen Erreichen einer Stellung nutzten, um dann den Feuerkampf abgesessen, auf dem Boden zu führen. Aus diesem Grund wurden die Kavalleristen auch von den, dieser elitären Truppe nicht unbedingt wohlgesinnten Fusssoldaten, als «nicht Mensch, nicht Vieh, aufs Pferd gesetzte Infanterie» bezeichnet. Und dieser Betitlung wollte man als Kavallerist wohl nicht auch noch Vorschub leisten, indem man sich mit einem Karabiner ablichten liess.

Der Karabiner wurde von den Dragonern am Sattel mitgeführt. Dazu erliess das eidgenössische Militärdepartement am 31. Januar 1872 die entsprechenden Weisungen. Das Sattelzeug wurde mit einem zusätzlichen «Karabinerriemen mit Schuh» und einem Riemen zum Anschnallen des Karabiners versehen. 1875 wurde dann auch noch ein Karabinerholfter genannt. Da der Kavallerist bei einem Einsatz der Feuerwaffe, diese womöglich nicht erst lange noch vom Sattel losschnallen, oder aus dem Holfter ziehen konnte, wurde auch noch ein Lederbandelier zum Tragen des Karabiners am Körper des Reiters eingeführt. Damit war es dem Dragoner möglich, im Bedarfsfall seinen Karabiner rasch zur Hand zu haben. Das über der Schulter getragene Bandelier besass eine solche Länge, dass es dem Reiter möglich war, mit umgehängtem Riemen den Karabiner zu ergreifen, anzulegen und gezielt damit zu schiessen.
Um den Karabiner mit diesem Bandelier zu verbinden, wurde am Kolben der Waffe ein beweglicher Metallring befestigt. Am ledernen Bandelier wurde ein spezieller, metallener Haken mit federunterstütztem Schnappverschluss angebracht. Diese Art Haken erlaubte es dem Reiter, seine Waffe rasch vom Bandelier zu entfernen oder wieder anzubringen. Da der Verwendungszweck dieses speziellen Hakentyps zu Beginn des 19. Jahrhunderts hauptsächlich in der Befestigung der Karabiner der Kavallerie bestand, Berg- bzw. Klettersport gab es damals noch nicht, erhielt er folgerichtig die Bezeichnung «Karabinerhaken». Eine Bezeichnung die sich bis in unsere Tage erhalten hat und bei den meisten heutigen Nutzern wohl kaum mehr mit ihrem militärischen Ursprung in Zusammenhang gebracht wird.

Damals war es im Beschaffungswesen des Schweizer Militärs noch üblich, nicht von allen Artikeln detaillierte technische Zeichnungen anzufertigen. Vielmehr wurden von «einfacheren» Objekten, hauptsächlich Kleidungsstücken und vor allem Lederwaren, bloss Musterstücke durch die Kriegsmaterialverwaltung hergestellt. Per öffentlicher Ausschreibung wurden anschliessend Fabrikanten eingeladen, für eine bestimmte Stückzahl, gemäss den vorliegenden Modellen zu fertigender Artikel, Herstellungsofferten einzureichen. Beim Bandelier für den Kavalleriekarabiner, welches auch als «Karabinerriemen mit Haken» bezeichnet wurde, war das nicht anders. Aktuell sind daher davon zwar Originalstücke, aber keine Zeichnungen bekannt.

Insgesamt wurden 3050 Kavalleriekarabiner, System Vetterli, eidg. Ord. 1871, für die Armee hergestellt. Somit müsste auch von den Bandeliers eine ähnliche Stückzahl gefertigt worden sein. Heute sind von diesen Karabiner-Bandeliers jedoch kaum mehr welche vorhanden. Da zur damaligen Zeit kaum etwas Ausgedientes einfach so entsorgt wurde, ist es durchaus wahrscheinlich, dass die damals nicht mehr benötigten Bandeliere umgearbeitet worden sind. Eine Umarbeitung und Weiterverwendung, zum Beispiel als Trommeltragriemen, erscheint dabei als naheliegend.
Quellen und Literatur
- Ausrüstung der Kavallerie, Das eidg. Militärdepartement an die Militärbehörden der Kantone, vom 31. Januar 1872.
- Reinhart Christian, u.a.: Die Repetiergewehre der Schweiz, Die Systeme Vetterli und Schmidt-Rubin, Dietikon-Zürich 1991.
- Reinhart Kriss, Meier Jürg A.: Pistolen und Revolver der Schweiz seit 1720, Dietikon-Zürich 1998.