Gute Argumente?

1915: Vom Nutzen des Laufdeckels «System Senn»

Im redaktionellen Teil der Allgemeinen Schweizer Militärzeitung (ASMZ), Nr. 35, vom 28. August 1915, wird ein neuer Laufdeckel – «System Senn» – in höchsten Tönen gelobt. Heutige Leser des Artikels bestätigen mir, dass die damalige Argumentation in der ASMZ schlüssig erscheint und sie den Artikel kaufen würden. Doch halten die damaligen Verkaufsargumente einer genauen Überprüfung stand? Wir werden sehen …

Der Laufdeckel «System Senn»

Im Oktober 1914 wurde dem Berner Waffenkontrolleur Heinrich Senn das Patent No. 69790 auf seinen neu entwickelten Laufdeckel erteilt. Das besondere an diesem Laufdeckel war, dass er bei aufgepflanztem Bajonett auf die Laufmündung aufgesetzt werden konnte.

Der Laufdeckel «System Senn» an einem Gewehr 96/11 mit aufgepflanztem Bajonett 1889 (Privatsammlung).
Ansicht des aufgesetzten Laufdeckels «System Senn» von vorne.

Der Laufdeckel «System Senn» bestand gemäss der ASMZ aus einem «Messinghütchen, das mit einer Stahlfeder an der Bajonettparierstange über der Laufmündung festgehalten wird». Er wurde vom Schweizer Militär als erlaubtes Hilfsmittel zugelassen. Der Wehrmann konnte ihn privat beschaffen und im Dienst verwenden.

Laufdeckel System Senn, Ansicht von unten (Privatsammlung).
Laufdeckel System Senn, Ansicht von oben.

Wozu dient ein Laufdeckel?

Typischer Laufdeckel für das Gewehr 11 und 96/11 (Privatsammlung).

Ein Laufdeckel verhindert das Eindringen von Fremdkörpern in den Lauf und schützt dessen Mündung vor Beschädigung. Typische Fremdkörper im militärischen Einsatz sind Erde, Schlamm, Laub- und Torfteile. Gelangen solche in den Lauf, wird im helvetischen Militärslang von einem «Schoggistich» gesprochen. Ausser Dienst, wenn die Waffe beim Wehrmann zuhause gelagert ist, schützt der Laufdeckel auch vor Insektenbefall. Insbesondere verhindert er, dass der Lauf als Eiablage von Schlupfwespen herhalten muss. Da schon eine minimale Beschädigung an der Laufmündung einen erheblichen Einfluss auf die Präzision der Waffe hat, ist der Schutz dieser Laufmündung ein ebenso wichtiger Zweck des Laufdeckels.

Wozu diente der Laufdeckel «System Senn»?

Mit aufgepflanztem Bajonett ist ein «Schoggistich» praktisch nicht zu bewerkstelligen. Und zuhause stellt der Wehrmann sein Gewehr auch nicht mit aufgepflanztem Bajonett in den Schrank. Zudem ist die Laufmündung durch das Bajonett hervorragend geschützt. Für den Laufdeckel «System Senn» trafen also diese drei Anwendungsbereiche nicht zu.

Mit aufgepflanztem Bajonett ist ein «Schoggistich» fast nicht zu bewerkstelligen.
Die Laufmündung ist durch das aufgesteckte Bajonett hervorragend geschützt.

Somit musste als Anwendungsgebiet und Verkaufsargument ein weiteres Phänomen herhalten: Wasser, insbesondere Regenwasser im Lauf und seine schädigenden Auswirkungen!

Die ASMZ meinte dazu: «Besonders beim neuen Lauf, der empfindlicher ist wie der alte, entstehen ungemein leicht Flecken, wenn Regentropfen ins Innere dringen […] endlich kann der leichteste Rückstand von Feuchtigkeit einen scharf umrandeten Fleck hinterlassen, wie die Untersuchung des Laufes mit der Gewehrlupe zeigt […] der Mündungsschoner, System Senn […] schützt das Laufinnere bei aufgestecktem Seitengewehr vor dem Eindringen von Feuchtigkeit».

Ist die Argumentation in der ASMZ korrekt?

Dem Wahrheitsgehalt dieser Aussagen wollte ich auf den Grund gehen. Folgende Fragestellungen wollte ich für das Schmid-Rubin Gewehr 96/11 experimentell beantworten:

  • Was passiert mit Wasser im Lauf bei ungeladener Waffe?
  • Was passiert mit Wasser im Lauf bei geladener Waffe?
  • Wird mit dem Laufdeckel «System Senn» verhindert, dass Regenwasser in den Lauf eindringt?
  • Gibt es Rostflecken, wenn ein nasser Lauf 24 Stunden nicht gereinigt wird?

Für die Versuche wurde ein Schmid-Rubin Gewehr 96/11 mit Bajonett 1889 verwendet. Das Gewehr wurde 1897 als Typ 1889/96 hergestellt und nach 1911 auf das System 11 und Gewehrpatrone GP11 umgebaut. Es entsprach somit genau dem erwähnten «neuen Lauf». Der Lauf der Waffe wurde sauber ausgewischt und kontrolliert. Er war tadellos, ohne Rost oder Verschmutzung.

Das für die Versuche verwendete Gewehr 96/11 mit aufgepflanztem Bajonett 1889 (Privatsammlung).

Die Versuche

Versuch 1:
Ausgangslage: Gewehr 96/11, Lauf sauber ausgewischt, Verschluss geschlossen, gesichert, Waffe ungeladen, keine Patrone im Patronenlager.
Resultat: Wasser, welches in der Laufmündung eingegossen wird, kommt beim Verschluss sofort wieder heraus. Der Verschluss dichtet gegen Wasser nicht ab.

Wasser, welches in der Laufmündung eingegossen wird, kommt beim Verschluss sofort wieder heraus.

Versuch 2:
Ausgangslage: Gewehr 96/11, Verschluss geschlossen, gesichert, Waffe mit Manipulierpatrone ManGP11 geladen. Es befindet sich also eine Manipulierpatrone im Patronenlager.
Resultat: Es gelingt, den Lauf mit Wasser zu füllen, aber das Wasser rinnt mit ca. 10 mm pro Sekunde rasch im Lauf ab. Das Wasser umfliesst also die Manipulierpatrone.

Versuch 3:
Ausgangslage: Gewehr 96/11, Verschluss geschlossen, gesichert, Waffe ungeladen, keine Patrone im Patronenlager. Die Waffe wird 45 Grad schräg nach unten gehalten und der Verschluss mit 1 Deziliter Wasser langsam übergossen. Es wird simuliert, dass es auf das Verschlussgehäuse und den Verschluss regnet.
Resultat: Das Wasser fliesst am Patronenauszieher entlang zum Verschlusskopf und gelangt von hinten in den Lauf. Der sich vorne auf dem Lauf befindliche Laufdeckel kann dieses Eindringen des Wassers von hinten natürlich nicht verhindern.

Regenwasser fliesst am Patronenauszieher entlang zum Verschlusskopf und gelangt von hinten in den Lauf.

Versuch 4:
Ausgangslage: Das Gewehr wird mit entfettetem, gewässertem Lauf aufrecht, während 24 Stunden bei Raumtemperatur stehen gelassen.
Resultat: Es zeigen sich nach 24 Stunden keine Verfärbungen am Lauf.

Wassertropfen im Lauf zu Beginn von Versuch 4.
Der Lauf ist auch nach 24 Stunden mit Wassertropfen tadellos. Fotografiert nach dem Auswischen.

Fazit zu den Versuchen

Wasser, das in den Lauf gelangt, fliesst sofort wieder heraus. Wenn es regnet, kann der Lauf Regenwasser abbekommen, insbesondere von der Verschlussseite her, falls die Waffe vorgehalten getragen wird. Einem sauber ausgewischten Lauf macht etwas Regenwasser jedoch nichts aus.

Schlussfolgerung

Das in der ASMZ beschriebene Wasser-Problem existiert nicht. Es kann zwar im Wachdienst mit aufgepflanztem Bajonett bei Regen eine kleinste Menge Wasser in den Lauf gelangen, dieses Wasser fliesst aber wieder ab. Auch die beschriebenen «scharf umrandeten Flecken» sind innerhalb von 24 Stunden nicht aufgetreten.

Der Laufdeckel «System Senn» ist zwar hübsch anzusehen und macht sich gut auf dem Gewehr, aber er ist unnötig, da er Probleme löst, die gar keine sind.

Die ASMZ hat in ihrem redaktionellen Teil wohl eine Einsendung von jemandem abgedruckt, der ein Interesse daran hatte, diese Laufdeckel zu verkaufen. So etwas kann man getrost als Schleichwerbung, oder auf Neudeutsch als «Product Placement» bezeichnen.

Zum Schluss noch etwas hinter vorgehaltener Hand:
Natürlich wäre es möglich, den Lauf eines Gewehrs 1911 oder 96/11 zum Rosten zu bringen. Eine geeignete Methode wäre beispielsweise, den Lauf nach dem Schiessen nicht mit dem Drahtwischer auszuwischen, dann nur leicht einzufetten, danach zu wässern und dann ein Jahr stehen zu lassen. Das leichte Einfetten ist dabei notwendig, damit das Wasser nicht abfliesst, sondern sich mit dem Fett zu einer Emulsion verbindet.
Jedoch, von einem solch gearteten Versuch wird dringend abgeraten!

Quelle

e-periodica.ch

Anhänge

Anhang 1: Allgemeine Schweizer Militärzeitung, 1915, Nr. 35, S. 321.
«Basel, 28. August 1915
[…] Ein Uebelstand besteht für den Infanteristen, der sein Gewehr liebt, darin, daß er den Wachtdienst mit aufgestecktem Seitengewehr zu versehen hat, wobei die Mündung des Laufes ungeschützt- bleibt. Besonders beim neuen Lauf, der empfindlicher ist wie der alte, entstehen ungemein leicht Flecken, wenn Regentropfen ins Innere dringen. Ich habe allerdings zu meiner großen Freude die Beobachtung machen dürfen, daß Leute, die bei Regen mitten in der Nacht vom Postenstehen abgelöst worden waren, zunächst den Lauf trocken rieben und neu fetteten, bevor sie sich zur Ruhe legten. Allein, einmal sind nicht alle Soldaten so, und dann läßt sich das Neufetten nicht immer ganz leicht ausführen — es bestand zwar in der in Frage stehenden Einheit die Anordnung und wurde strikte durchgeführt, daß jeden Abend vor dem Ausgang jeder Gewehrlauf noch einmal gefettet werden mußte — endlich kann der leichteste Rückstand von Feuchtigkeit einen scharf umrandeten Fleck hinterlassen, wie die Untersuchung des Laufes mit der Gewehrlupe zeigt, deren Gebrauch für alle Führer, vom Gruppenältesten an aufwärts unerläßlich geworden ist. Wir begrüßten es deshalb lebhaft, als uns der „Mündungsschoner, System Senn» im Muster vorgelegt und dessen Anschaffung für die Truppe gestattet wurde. Dieses ungemein praktische kleine Ding leistet vorzügliche Dienste. Es ist ein Messinghütchen, das mit einer Stahlfeder an der Bajonettparierstange über der Laufmündung festgehalten wird, das Laufinnere also bei aufgestecktem Seitengewehr schützt. vor dem Eindringen von Feuchtigkeit Wir hatten zuerst Bedenken, es könnten bei dessen Anwendung infolge des Laufschlusses Blähungen entstehen, wenn der Posten gezwungen sein sollte, zu feuern, ohne vorher den Schoner wegnehmen zu können, wurden jedoch durch die Praxis eines besseren belehrt, als einem linkischen Soldaten, glücklicherweise ohne Schaden anzurichten, ein Schuß losging, während der Mann auf Posten stand. Natürlich wurde nun die Waffe aufs peinlichste untersucht, allein es zeigte sich nicht die geringste Schädigung im Laufinnern. Damit war bewiesen, daß der Mündungsschoner getrost verwendet werden darf, ohne daß der Mann für sein liebes Gewehr das geringste zu fürchten hat. Seither haben wir den „kleinen Laufdeckel», wie die Leute ihn nannten, stets benutzt und die allerbesten Erfahrungen damit gemacht. Es ist ein wirklich sehr empfehlenswerter Gegenstand, dem mir der Fehler anhaftet, daß er gar klein ist und infolgedessen leicht verloren geht. Der Mann sollte ihn deswegen bei Nichtgebrauch im Geldbeutel versorgen, jedenfalls nie in der bloßen Tasche mittragen, oder noch besser, ihn an die Uhrkette befestigen. […]»

Anhang 2: Patentinformation
«Schweizerisches Handelsamtsblatt. Herausgeber: Staatssekretariat für Wirtschaft. Band: 33 (1915), Heft: 140:
Kl. 56 a, Nr. 69790.* 23. Oktober 1914, 8 ¼ Uhr. — Laufdeckel zum Gebrauch bei auf dem Gewehre aufgestecktem Bajonett. — Heinrich Senn, Waffenkontrolleur, Scheibenweg 2, Bern (Schweiz)».

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